Predigt Allerseelen 2017

Allerseelen gedenken wir durch Gebet, Fürbitte und Friedhofsbesuchen unserer Verstorbenen, hierzu die

Predigt unseres Pfarrers Christoph Karlson  zu Allerseelen:

Allerseelen ist kein lautes Fest in unseren Breiten – es ist sogar so leise, dass wir es oft überhören und übergehen.
Allerseelen ist ein sehr persönliches Fest geworden – wie auch der Tod eine sehr persönliche Angelegenheit geworden ist. Das Sterben findet heute hinter vorgehaltener Hand statt. Es gibt keine Nachbarschaft, die den Pfarrer holt und dann zur Totenwache im Haus bleibt. Und doch ist der Tod ja da – nur sind wir allein mit ihm.
Matthias Claudius hat sein Lebenswerk die unter dem Namen „Wandsbekker Bote“ herauskam, dem Tod gewidmet. Sein erstes dichterisches Werk war ja eine Grabrede. Er schrieb sie mit 20 Jahren – für seinen ein Jahr älteren Bruder Josias. Dieser hatte, nachdem er den jüngeren Claudius wochenlang im Pockenfieber gepflegt hatte, sich nämlich selbst angesteckt – ist aber leider daran verstorben.
Der Tod begleitete die Menschen im 18. Jahrhundert anders als heute: bei Matthias Claudius sieht man ihn als Gerippe mit Sense – als Sensenmann auf dem Titelbild: ihm sind die schönen Lieder vom Mond und „hinterm Ofen zu singen“ gewidmet.
Dabei wusste Matthias Claudius durchaus was Leben bedeutet: er hat von seiner jungen Frau in zwei Jahrzehnten 12 Kinder geschenkt bekommen.
Unter dem Titelbild steht nicht „Gevatter Tod“ sondern „Freund Hain“ – in seiner Widmung schreibt Claudius: „s’läuft mir, die Wahrheit zu sagen, jedesmal kalt über’n Rücken, wenn ich Sie ansehe, und doch will ich glauben, dass Sie n guter Mann sind.“
Cordelia Spaemann nennt den Tod: „Freund und Feind in einer Person, Shakespeare nannte ihn ein „zweites Ich“ und Burns „The poor man’s dearest“ (des armen Mannes Liebling) – Goethe ignorierte ihn: Den Tod statuiere ich nicht.“ Er weigerte sich, das Sterbezimmer seiner Frau auch nur zu betreten. Claudius scheint in diesem Punkt der Klügere zu sein: „wenn man ihn lange ansieht, wird er zuletzt ganz freundlich aussehen“.

Wenn wir in den ersten Novembertagen den Tod »ansehen«, auf den Friedhof gehen, so müssen wir uns womöglich ein wenig überwinden, denn der Tod hat keine Kultur mehr in unserer Zeit. Es wird geheim gestorben – wir nehmen uns nur wenig Zeit für ihn.
So wie jeder Mensch seine persönlichen Totengedenktage hat, die er auch persönlich begeht, die aber in der Unrast unserer Zeit oft nur wenig Raum erhalten, so brauchen wir gemeinsame Gedenktage: die uns Zeit geben, den Tod anzuschauen: damit er „zuletzt ganz freundlich aussieht“ wie Claudius gesagt hat. Und der Tod braucht Zeit. Wir müssen die Kraft aufbringen, den Tod auszuhalten: er ist beides – Freund und Feind. Feind bleibt er, wenn er sich seinen Platz in unserem Leben erzwingen muss. Wenn wir vor ihm davonlaufen. Er braucht uns nicht hinterherzulaufen, denn er kommt sowieso.

Es ist die Begegnung mit uns selbst, der wir manchmal fortlaufen. Und der Tod stellt uns immer nur eine Frage: die Frage nach unserem Lebensziel.

In dieser Frage schillert nicht nur der Sinn unseres Lebens, was wir alles noch vorhaben und doch nicht mehr schaffen, indem wir auf das Ziel, das Ganze unseres Lebens schauen, schauen wir auch auf unsere Herkunft, unsere Familie. Gerade die älteren unter uns haben an Allerseelen mit den Gräbern ihrer Eltern zu tun. Und das Verhältnis zu unseren Eltern ist oft schwieriger als es nach außen scheint. Vieles bleibt ungesagt, wird beschwiegen. Und doch sagt die Schrift:
»Ehre deinen Vater von ganzem Herzen, vergiss niemals die Schmerzen deiner Mutter! Denk daran, dass sie dir das Leben gaben. Wie kannst du ihnen vergelten, was sie für dich taten?« (Jesus Sirach, Kapitel 7, Verse 27f )

Wir alle haben von unseren Eltern das Leben empfangen, diese wiederum von ihren Eltern. Das Leben kommt wie ein großer Strom als unverdientes Geschenk zu jedem Einzelnen. Wer diesem eigenen Lebensstrom misstraut, mit ihm nicht versöhnt ist, gräbt sich selbst seine Lebenskraft ab. Erst die Versöhnung und Wertschätzung der Eltern und Vorfahren lässt diesen Lebensstrom wieder fließen und zur Entfaltung bringen.
Unmöglich ist es, den Eltern zurückzugeben, was sie geschenkt haben. Deswegen bleibt zwischen den Eltern und ihren Kindern stets ein Gefälle von Geben und Nehmen, was die Kinder nicht ausgleichen, was sie nicht vergelten können. Sie können das Leben bloß selbst weiter geben.

Franz Jalicz SJ hat als langjähriger Exerzitienbegleiter viele Lebensgeschichten kennen lernen können. Aus seiner reichen Erfahrung schreibt er in seinem Buch »Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet« (Echter-Verlag 1994, S. 300f ):
»Unsere tiefsten Verletzungen stammen aus unserer Kindheit und sind mit unseren Eltern verbunden. Fehlende Wärme in frühester Kindheit, Autoritätskonflikte, Abwesenheit der Eltern, bedingt durch Arbeit, Scheidung oder Tod, lassen tiefe Wunden zurück, die wir nicht leicht verdauen, verarbeiten oder gar verzeihen können. Versöhnung ist aber möglich und lebensnotwendig.
Die Versöhnung mit unseren Eltern hängt von uns ab. Die Verletzungen, die uns betreffen, liegen nicht in ihnen, sondern in uns. Auch wenn es hart klingen mag: Es kommt in erster Linie nicht darauf an, dass die Eltern sich ändern. Das Problem befindet sich in uns, in unserem Herzen.
Der größte Schmerz ist nie die Verletzung selbst, die in uns eingraviert ist. Der bitterste Schmerz ist, dass wir denjenigen, der uns Leid zugefügt hat, nicht lieben können. Dies ist eine tiefliegende geistliche Qual.
Oft hört man, dass Jugendliche oder junge Erwachsene aus Groll gegen ihre Eltern verkünden, dass sie aus ihrer Kindheit gelernt haben und mit ihren eigenen Kindern nicht dieselben Fehler begehen werden. Es ist eine alte Erfahrung, dass gerade diese Menschen die Fehler ihrer Eltern wiederholen. Solange man seinen Eltern nicht vergeben hat, bleibt dasselbe Handlungsmuster bestehen, ob man es will oder nicht.
Wir übertragen unsere elternbezogenen Probleme auf alle Menschen. Nur wer die Konflikte mit seinen Eltern ausgeräumt hat, ist anderen gegenüber ein freier Mensch.«

Diese Aussagen auf die Eltern hin können nach der Erkenntnis vieler Psychologen auch auf andere Vorfahren übertragen werden. Die Ahnen, die geleugnet werden, die nicht bearbeiteten Themen und Aufgaben der Vorfahren, die nicht wertgeschätzt und beachtet werden, das, was totgeschwiegen werden soll, wirkt als »Familiengeheimnis « weiter und hindert daran, frei und unabhängig zu werden.
Allerseelen kann so Anlass sein, sich der eigenen Vergänglichkeit zu stellen: den „Bruder Hain“ des Matthias Claudius, zu Wort kommen zu lassen. Sich mit dem eigenen Schicksal zu versöhnen.
Es kann auch ein Moment sein, die eigenen Wurzeln, den Lebensstrom, der von den Vorfahren herkommt, wieder bewusst zu würdigen und wertzuschätzen und sich mit den unerlösten Teilen unserer Biographie auszusöhnen. Mögen die Kerzen, die wir entzünden in diesen Tagen die dunklen Seiten unseres Lebens hell machen, jene trösten, die trauern und für unsere Verstorbenen ein Zeichen der Liebe und des Dankes sein. In diesem Sinne wollen wir nun für unsere Toten Fürbitte halten bei Gott.