Im Beichtstuhl

Wieder ist ein Kunstwerk in der St. Peter und Paul Kirche in Potsdam neu erstanden. Die Potsdamer Restauratoren Grit Jehmlich und Oliver Max Wenske haben ein bisher unbekanntes, in der Sakristei hängendes, Bild restauriert. Sie hatten voriges Jahr mit der Reinigung des Bildes begonnen und waren sehr überrascht, als sie herausfanden, dass es hoch wahrscheinlich von Hermann Fidel Winterhalter gemalt wurde. Das Bild ist auf der Rückseite mit HW signiert. Herman Fidel und sein Bruder Franz Xaver Winterhalter waren Sissis (Kaiserin Elisabeth von Österreich) Haus- und Hofmaler.

Das Bild (1,75 m x 1,45 m) wird zur Zeit in St. Peter und Paul im hinteren rechten Eingangsbereich neben dem Taufbecken gezeigt und soll dann über dem Taufbecken aufgehangen werden.

„Das Leben ist wild“

„ Das Leben ist wild“

Fünf Jahre war Jan Frerichs bei den Franziskanern. Dann rutschte er in eine Krise, trat aus, gründete eine Familie. Heute begleitet er Menschen in Auszeiten in der Natur. Er hat sein Glück gefunden – und hilft denen, die ihres noch suchen.

Von Andreas Lesch Verlagsgruppe Bistumspresse GmbH
Beitrag im Tag des Herrn Nummer 23 I 21.Januar 2018

Da lag Jan Frerichs also, in diesem
Eichenwald in der Toskana,
und war allein mit seiner Angst.
Würde ein Rehbock ihn angreifen?
Bestimmt nicht. Würde eine
Schlange ihn beißen? Niemals.
Aber diese Dunkelheit! Die fand
er erschreckend. „Man weiß ja
nicht, was aus dem Dunkeln
kommt“, sagt Frerichs. Doch je
länger er darüber nachdachte,
desto klarer wurde ihm: Wahrscheinlich
kommt da nichts.
Wahrscheinlich fürchten die Tiere,
die sich in der Dunkelheit verbergen,
ihn mehr als er sie. So
löste seine Angst sich auf.
Damals, im März 2014, hat
Frerichs seine erste Visionssuche
mitgemacht: vier Tage und vier
Nächte allein in der Natur, ohne
Essen, nur mit Wasser, Regenschutz,
Schlafsack und Isomatte.
Danach war ihm klar: „Genau das
will ich machen.“

Die Menschen erzählen
von Nöten und Brüchen

Heute bietet Frerichs in Bingen
am Rhein selbst Exerzitien in der
Natur an, in seiner Franziskanischen
Lebensschule. Er sagt: „Die
Natur ist ein Spiegel.“ In der Natur,
glaubt Frerichs, könnten wir
alles sehen – uns, unseren Glauben,
unseren Umgang mit der
Wirklichkeit. Die großen Fragen
des Lebens.
Stundenlang kann Frerichs
davon schwärmen. Wer ihm zuhört,
der ahnt: Der Mann hat sein
Glück gefunden. Er ist 44 Jahre
alt, er hat eine Frau, zwei Kinder
und einen Job als Journalist beim
ZDF. Und seine Lebensschule. Da
geht er mit kleinen Gruppen in
die Natur, manchmal einen Tag,
zu einer Mini-Visionssuche: Sie
bereiten sich gemeinsam vor; jeder
erzählt, welches Thema er
mitbringt. Dann gehen alle in ihre
Auszeit, zwei, drei Stunden.
Sie können wandern, sitzen,
schlafen; sie schauen, wohin es
sie zieht und was ihnen begegnet.
Dann treffen sie sich wieder
und reden. Von Schmerzen, Nöten,
Brüchen im Leben. Frerichs
empfindet es „als ein Riesengeschenk“,
wenn die Menschen
sich so öffnen und er mit ihnen
„an einen Punkt kommt, wo man
wirklich von Herzen spricht und
wo erfahrbar wird, was es heißt,
ein Herz und eine Seele zu sein“.
Frerichs hat selbst Brüche erlebt.
Er hat das Glück, das er jetzt
gefunden hat, lange gesucht. Er
wuchs in einer Diaspora-Gemeinde
in der Nähe von Hamburg auf.
Seine Eltern sahen die Kirche distanziert,
aber sie schickten ihn
trotzdem zum Kommunion- und
Firmunterricht. Frerichs spürte
bald, dass ihm Kirche etwas gibt.
Für ihn war sie „ein Ort, wo man
so sein kann, wie man ist“. Er
erinnert sich: „Da ist keiner gekommen
und hat uns gesagt, was
richtig oder falsch ist. Das war
völlig unideologisch.“
Als er 14 war, sah Frerichs ein
Buch mit einem Mönch, der kniete.
Das Bild fand er spannend.
Er interessierte sich für Theologie.
Von einem Pastoralreferenten
bekam er einen Text von Richard
Rohr, dem charismatischen
Franziskanerpater aus den USA,
den er seinen wichtigsten Lehrer
nennt. Bei Rohr fand Frerichs
Sätze, die er verstand. Sätze, die
ihm erklärten, was es heißt, Jesus
nachzufolgen: „Es geht nicht darum,
Jesus anzubeten. Nicht nur.
Es geht darum, Jesus zu sein.“
Heißt: Jeder ist gefragt, sein Leben
an Jesus auszurichten und
etwas daraus zu machen.
Frerichs war begeistert von
Rohr; er wollte in die Kommunität,
die der Franziskaner gegründet
hatte, irgendwo in Ohio.
Aber er konnte nicht, er ging ja
noch zur Schule. Er schrieb alle
Ordensgemeinschaften an, die
er finden konnte. Viele schickten
ihm Hochglanzbroschüren. Die
Franziskaner schickten ihm ein
kleines kopiertes Heft, mit einem
Schmierzettel dabei: „Lieber Jan,
schön, dass Du Dich interessierst.
Kannst Dich ja mal melden.“ Das
kam ihm echt vor. Geerdet. Passend.
Als er 20 war, trat Frerichs
bei den Franziskanern ein. Fünf
Jahre später trat er wieder aus.
Warum? „Nicht wegen Sex,
auch nicht wegen Armut.“ Eher
weil er in eine Lebenskrise rutschte.
Irgendwann fragte er sich:
„Was mache ich eigentlich hier?
Warum gehe ich nicht arbeiten?
Warum habe ich keine Familie?“
Aber nicht nur sein Leben kriselte
damals, auch sein Glaube.
Der Glaube sei zu abgehoben geworden,
sagt er: „Ich wusste nicht
mehr so genau: Wer bin ich? Und
was glaube ich? Am Ende habe
ich gar nichts mehr geglaubt.“ Also
verließ er den Orden, machte
sein Theologiestudium zu Ende,
wurde Journalist, gründete eine
Familie. Den Glauben aber fand
er wieder, nur anders als vorher:
Er suchte Gott jetzt mitten im
Leben. Heute leitet er einen Chor
in seiner Gemeinde. Die Franziskaner
blieben ihm immer nah,
Bruder Jan gehört nun zum franziskanischen
Laienorden.

Er findet Männer, die
über Gefühle reden

Er hat nicht vergessen, was ihm
der Orden gegeben hat. Sein Vater
war früh gestorben, also suchte er
Väter. Er fand junge und alte Männer.
Männer, die Gefühle zuließen
und darüber redeten. Männer,
die auf eine Art Mann waren,
die ihm gefiel. „Davon habe ich
unendlich profitiert.“ Heute, in
seiner Lebensschule, profitieren
andere von ihm. Bruder Jan sagt:
„Das ist für mich Mission: dass ich
das, was mich begeistert und was
mir geholfen hat, denen weitergebe,
die kommen.“
„Barfuß und wild“ nennt Bruder
Jan die Lebensschule. Er sagt,
das steht für Aktion und Kontemplation.
Barfuß, das soll heißen:
empfindsam sein, sich berühren
lassen, bereit sein für den Weg zu
Gott. Wild, das soll an Franz von
Assisi erinnern, der die meiste
Zeit seines Lebens in der Natur
verbrachte. Und an Jesus, über
den es in der Bibel heißt: „Er
lebte bei den wilden Tieren, und
die Engel dienten ihm.“ Gerade
wir modernen Menschen sollten
uns an diesen Satz erinnern, sagt
Jan Frerichs: „Wir haben zwar
versucht, alles in eine Ordnung
zu bringen. Aber das Leben ist
immer noch wild.“ Er weiß dieses
Leben zu nehmen.