Predigt 3. Fasten 2020

Predigt Pfarrer Karlson
am 3. Fastensonntag 2020

15.03.2020 9 Uhr St. Antonius

Wie tief ist der Brunnen?

Als ich das erste Mal in Israel war, sind wir mit einem Mietauto von Galiläa nach Jerusalem gefahren. Das war nicht ganz so einfach, weil man da durch das palästinensische Autonomiegebiet fahren muss. Das erlauben aber die Autoversicherungen nicht. Man spart etwas Zeit. Man darf sich aber nicht erwischen lassen.
Wir kamen auch – das geht eigentlich gar nicht anders – am Berg Garizim vorbei und fuhren durch die Stadt Nablus, die früher Sychar hieß. Irgendwo am Stadtrand gibt es eine kleine griechische Kirche St. Photina. Das ist die Frau am Jakobsbrunnen. Die orthodoxen Traditionen haben ihr einfach diesen Namen geschenkt: passend – phos ist Licht – die Erleuchtete.
In der Krypta der Kirche der hl. Photina ist der Jakobsbrunnen – aber ich habeihn damals nicht sehen können.

Haben Sie schon einmal in einen Brunnen geschaut? In einen tiefen Brunnen, wo man Steine reinwerfen kann und dann zählen muss, bis man hört, wie der Stein ins Wasser plumpst?
Man muss als Brillenträger immer ein wenig aufpassen, und die Brille festhalten. Damit die nicht hineinfällt.
Der Brunnen birgt das frische und kostbare Wasser. Manchmal kann man das Wasser gar nicht sehen, nur die Kühle kann man spüren. In einer heißen Gegend ist er eine Kostbarkeit. Und doch kann man es nur erahnen. Ein Brunnen ist ein schönes Bild für die menschliche Seele. Wir kennen uns und kennen uns doch nicht. Am Grunde unserer menschlichen Seele, da gibt es eine Quelle. Das ist unser Glaube.
Natürlich könnte man einwenden: es gibt doch gar keine Seele und in der Tiefe der Seele – da ist nichts. Oder was da ist, das möchte ich gar nicht wissen.

Liebe Gemeinde, die Fastenzeit hieß früher Quadragesima – 40. Sie ist eine 40tägige Zeit des Zusichkommens. Eine Quarantäne für die Seele. Sie könnte eine Zeit sein, ein wenig in die Tiefe unserer Seele hinabzusteigen. Das ist nicht ganz so einfach. Die Sorgen der oberen Seelenschichten, die beschäftigen uns – gerade in der Zeit der Corona-Epidemie – sehr.

Ich möchte Ihnen Mut machen, sich der eigenen Tiefe zu stellen. Vielleicht haben wir ein wenig Angst davor. Es ist nicht alles immer schön, in der menschlichen Seele. Sie birgt ein Geheimnis.
Aber ich glaube, Gott ist gerade deswegen Mensch geworden, weil er erleben wollte, wie die Menschen sind. Was es heißt, eine kleine menschliche Seele zu haben. Mit ihren Sorgen und Ängsten – aber auch Freuden und mit der Sehnsucht, mit dem inneren Durst.

Die Frau am Jakobsbrunnen hat sich diesem Durst gestellt. Sie hat es einfach zugegeben. Sie hatte Durst nach dem Leben, sonst hätte sie nicht 6 Männer gehabt. Aber keiner dieser Männer konnte ihren Durst stillen. Erst der siebente Mann, mit dem sie ein Gespräch am Brunnen führt. „Wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“

Für jemanden, der reich ist, ist es schwer, sich in einen Armen
hineinzuversetzen. Für jemanden, der gesund ist, ist es schwer, einen Kranken zu verstehen. Für jemanden, der die Welt erschaffen hat, ist es schwer zu verstehen, was Sehnsucht heißt.
Christus wollte lernen, was es heißt, durstig zu sein. Dazu ist er zu uns gekommen. Er ist selbst die Quelle des Lebens – Und doch: Sein letztes Wort am Kreuz aber ist der Ruf: „Mich dürstet.“
Da hat er den Menschen verstanden in all seiner Not und in all seiner Endlichkeit, in all seiner Schwäche. Gott hat sogar die Todesnot des Menschen erleben wollen, so sehr hat er den Menschen, hat er die Menschheit lieb.

Und er konnte ihn dadurch auch erlösen – für ihn die Quelle des Lebens öffnen. Und deshalb brauchen wir keine Angst zu haben, in die Tiefe unseres Seelenbrunnens hinabzusteigen. Deshalb brauchen wir keine Angst vor den Tod zu haben. Christus weiß, was da unten ist. Er bewacht das Geheimnis unserer Seele. Dort wartet er auf uns. Und er hat uns bis in die tiefste Tiefe unserer Seele erlöst und heil gemacht. Das glauben wir. Und deshalb dürfen wir dankbar sein, für das was Christus getan hat und gelitten hat und für seinen
qualvollen Durst am Kreuz. Amen.