Predigt 4. Fasten 2020

Predigt am 4. Fastensonntag
22. März 2020, 10 Uhr, Online-Übertragung aus der Josefskapelle, Michendorf
Joh 9,1-41 (Heilung des Blindgeborenen)

Liebe Schwestern und Brüder hier in Michendorf, im Potsdamer Raum und überall an den Bildschirmen!

Ich weiß nicht, über wen Sie sich mehr verwundern oder sogar ärgern im heutigen Evangelium. Über die eingebildeten Pharisäer, die sich nicht freuen können über einen Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben richtig sehen kann. Oder über die Jünger, die sich die Ursache für die Blindheit des Mannes mit einer komischen Theorie zusammenreimen. Dass entweder ein Mensch selbst für seine Sünden mit Krankheit bestraft wird oder sogar für die Sünden seiner Eltern.

Wie kann man nur so denken? Dachte ich eigentlich auch immer. Aber so fern ist uns diese Vorstellung gar nicht. Es ist modern geworden, vom Karma zu reden – „Pass auf dein Karma auf!“ – so reden heute hippe Leute. Wenn das nicht nur ein Witz sein soll, dann steckt darin allerdings genau der alte Gedanke, den die Jünger auch hatten. Durch schlechte Taten kann man physische Einbußen erleiden bis hin zu einer Wiedergeburt als Unberührbarer oder gar als Molch.
Oder die vielen zynischen Mutmaßungen wenn es heute um Krankheiten geht: Wie oft hört man Bemerkungen wie „Na der hätte ja ruhig ein bisschen gesünder leben können. Nun liegt er dem Gesundheitssystem auf der Tasche.“ Wie viele Menschen brechen heute leicht den Stab über jemanden, dessen Lebensstil nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Da brauchen wir uns über die Jünger nicht zu wundern.

Und Jesus gibt uns die erste Antwort: Krankheit hat nichts mit Sünden der eigenen Biographie oder der Familie zu tun. Sondern in der kritischen Situation der Krankheit soll sich Gott zeigen. Könnte das für uns, die wir Angst vor dem Coronavirus haben, die seit Tagen nur noch diese statistischen Fieberkurven, diese Weltkarte mit den roten Punkten und Kreisen, die immer größer werden und Bilder von Krankenhäusern sehen und die Intensiv-Betten zählen, ein Hinweis sein?

Schauen wir auf die zweite Gruppe in unserem langen Evangelium, die uns so unangenehm aufstößt: die Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie, die eigentlich gebildet sind, die Theologen, sie werden uns als abschreckendes und abstoßendes Beispiel vor Augen gestellt. Sie interessieren sich ausschließlich für das Sabbatgebot, aber nicht für das Glück eines Menschen, der geheilt worden ist. Das war die schmerzliche Erfahrung der frühen Christen. Sie haben in der Taufe Gottes Kraft und Liebe erfahren – und sind automatisch aus der Synagoge ausgestoßen worden. Im Grunde sind die Pharisäer die tragischen Gestalten des heutigen Evangeliums. Ihr Schubladendenken hat sie blind gemacht. Und das ist das eigentliche Thema des heutigen Evangeliums. Sie – die Pharisäer – wollen sich nicht für ihn entscheiden.

Jesus zeigt sich uns heute als „der Gesandte“, der „Menschensohn“, der eine ganze Reihe von Schubladen durcheinanderwirbelt. Er kommt und löst eine Krise aus. Was gilt denn jetzt noch? Plötzlich zeigt sich, wer um sich selbst kreist und wer Augen für die Not des anderen hat.

Das ist das Anstrengende in Krisensituationen. Man kann nicht auf eingespielte Weise fortfahren, sondern man muss sich umstellen, die Schubladen funktionieren nicht mehr.

Auch unsere Zeit ist eine echte Herausforderung – eine Krisenzeit. Krisis = κρισις ist ein griechisches Wort – es bedeutet Entscheidung. In Krisen kommen dabei verborgene Instinkte zum Vorschein, die sonst nicht so deutlich sichtbar sind. Da gibt es Menschen, die um sich selbst kreisen, die in Panik geraten und – so peinlich das ist – anfangen zu hamstern. Die eine schwierige Situation kommen sehen und sofort an sich denken. Aber es gibt auch Menschen, die genau andersherum reagieren: die in Ruhe sich in einer Reihe mit Sicherheitsabstand anstellen und Blut spenden, wie in dieser Woche auf dem Alexanderplatz; Menschen, die sich sofort und gerne bereitfinden, Einkäufe zu tätigen, anderen beizustehen. Die in der Krisensituation überhaupt nicht an sich denken, sondern an den Menschen in Not. Dabei ist asoziales und prosoziales Verhalten nicht immer fein säuberlich aufgeteilt auf verschiedene Menschentypen, sondern es steckt oft beides in uns drin. Man muss sich entscheiden.

Also: alle, die jetzt ein wenig zu viel Toilettenpapier zu Hause haben – es ist nie zu spät! Ihr habt die einmalige Chance in naher Zukunft damit Gutes zu tun. Verschenkt das Zeug einfach an jemanden, der es braucht. In dem Moment, da wir anfangen zu überlegen, wer könnte das wohl brauchen, wo kann ich Hilfe anbieten, sind wir schon wieder auf dem richtigen Weg.

Herr Jesus Christus, du bist das Licht der Welt, wir bitten dich heute, für alle, die ihren Lebensweg im Dunkeln gehen, die sich nach Licht sehnen, nach Orientierung und Halt. Schenke Ihnen dein Licht. Aber wir bitten dich auch für alle, die zwar Kinder des Lichtes sind, aber nicht so leben. Lass uns, wenn uns alte Gewohnheiten wegbrechen, wenn unsere Schubladen plötzlich nicht mehr passen, uns neu dein Licht scheinen. Lass uns heute ganz bewusst die Entscheidung wagen. Ich möchte die Augen offen halten für den anderen, auch wenn das Hinsehen weh tut. Ich möchte wie der geheilte blinde Mann mich an dich halten, denn du bist das Licht der Welt. Du bist der Gesandte, ich glaube Herr! Amen.