6. Ostersonntag 2020

Pfarrer Christoph Jan Karlson
Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit
17. Mai 2020
Apg 8, 5-8.14-17; 1 Petr 3, 15-18; Joh 14, 15-21

Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen – Der Geist der Wahrheit stärkt den einzelnen – nicht den Mainstream

Alle drei Lesungen des Sonntags vor dem Fest Christi Himmelfahrt kreisen um die Frage der besonderen Lebensform der Christen, um die Frage, woran sie erkennbar sind. Was das Besondere ist, das Unterscheidungsmerkmal des Christentums.

Das ist nicht so einfach in diesen Tagen, wo das Christentum sich wochenlang auf Internet und den persönlichen Glauben tief im Herzen zurückgezogen hat. Die Apostel stärken den Glauben der neuen Christengemeinde in Samaria – so haben wir es in der 1. Lesung gehört. Sie spenden die Firmung: damit sie den Hl. Geist empfangen.

Sie kommen dazu extra aus Jerusalem angereist. Was ist das für eine Stärkung mit etwas Unsichtbarem?

Da hilft uns ein Blick auch in die anderen Lesungen des heutigen Sonntags. Sie stehen in ihrem Kontext in bedrückenden Situationen. Der Petrusbrief richtet sich an Gemeinden in Kleinasien, die so sehr diskriminiert werden von ihrer Umwelt, dass die Gefahr besteht, dass sie sich auflösen.

Wenn der Petrusbrief uns auffordert, Rede und Antwort zu stehen, dem, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt, so fragen wir meist zurück: Ja was ist denn das? Woran glaube ich denn? Kann ich das?

Das sind typische Fragen und doch sind sie am falschen Platz. Die richtige Frage lautet: Wem soll ich neue Hoffnung schenken? Gibt es jemanden, der meinen Beistand braucht? Der das Licht des Glaubens nötig hätte? Und wer könnte das sein in meiner Umgebung, in meinem Bekanntenkreis?

Und es ist interessant, daß der Nachsatz meist nicht mitzitiert wird: Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig. Nicht laut und belehrend, mit erhobenem Zeigefinger. Es geht nicht darum, denen, die hoffnungslos sind, ihre Not auch noch drastisch auszumalen, sondern um das Wenige, das wir wirklich erhoffen – vielleicht ist es nur ein Wort.

Im Johannesevangelium heißt dieses eine Wort: „Liebt einander!“ Christus verheißt seinen Jüngern im Abendmahlssaal einen anderen Beistand, der für immer bei ihnen bleibt, der ihnen ermöglicht, dieses Gebot zu erfüllen.

 Wir haben an diesem Wochenende die ersten Bundesliga-Spiele vor leeren Rängen gesehen. D.h. ich habe keinen Fernseher. Sie haben das vielleicht gesehen. Wie merkwürdig ist das? Fußball ist eine Massenveranstaltung. Man braucht Stadien dafür. Massenveranstaltungen hat es zu allen Zeiten gegeben. Und ich glaube, es wird sie auch irgendwann wieder geben. Aber der Glaube an die Masse, wie er vor allem im 20. Jahrhundert entstanden ist. Man könne die Welt besser machen, wenn man Massenbewegungen initiiert, Empörung hervorruft, die endlich einmal zeigen kann, wie die Menschen wirklich denken, die gleichsam in der Masse den Ort der Wahrheit vermutet.

Ob dieser Glaube nicht gerade heute einen großen Dämpfer bekommen hat? Ist es nicht auch so, dass die Masse der Ort der Entfremdung, der Anonymität und der Einsamkeit ist?

In der Zeit des Petrusbriefs hatten es die Christen schwer, denn die Masse dachte anders. Sie machte den Kaiserkult mit und ärgerte sich über die Skrupel der Christen, die damit ein Problem hatten.

Und dieser Beistand, den die Apostel durch die Handauflegung herabrufen, dieser Beistand, den Christus im Abendmahlssaal verheißt, ist eben nicht eine Art „Schwarmintelligenz“ – Er ist kein statistisch erfaßbares Massenphänomen. Keine Bewußtseinsstufe, die es zu erreichen gilt. Sondern Stärkung des einzelnen in seiner Not.

Denn wer ehrlich sein will, wer ein reines Gewissen hat, wird die Masse bald gegen sich aufbringen. Wer immer nur genau das tut, was en vogue ist, braucht keinen Beistand, er schwimmt einfach mit. Wer sich aber einen klaren Blick bewahrt hat, wird die Not seines Nächsten sehen und er wird Rede und Antwort stehen von der Hoffnung, die ihn erfüllt.

Das Christentum ist geboren worden in dieser Situation der Vereinzelung. Die Jünger hatten sich versprengt, sind davongelaufen von Golgotha. Als sie sich um den Auferstandenen geschart hatten, wurden sie durch die Verfolgung nach der Steinigung des Stefanus wieder in alle Himmelsrichtungen versprengt – nun nach Samarien. Immer aber war es ihnen möglich, die Vereinzelung zu durchbrechen, weil sie den Geist der Wahrheit in sich hatten, der ihnen die Hoffnung einprägte, daß die Liebe stärker ist als der Haß, daß sie zunimmt, wenn sie praktisch wird, daß die Liebe die einzige Investition ist, die sich immer lohnt.

Diesen Geist der Liebe hat unsere Welt immer nötig. Die Augen des Herzens hat sie nötig und die Tapferkeit der Liebenden, die die Vereinzelung überwindet.

Die neue Normalität

13.05.2020 Beitrag im Tag des Herrn von Andreas Lesch
Lockerungen in der Coronakrise

Es geht um alle

Wochenlang war unser Leben wegen des Coronavirus stark eingeschränkt. Jetzt wird nach und nach wieder mehr erlaubt. Wenn die neue Normalität funktionieren soll, werden wir uns auf Werte besinnen müssen. Auf Vertrauen und Vergebung, Gemeinsinn und Geduld.

Was wir gerade erleben, ist ein gesellschaftliches Experiment, das es so noch nie gegeben hat: Jeder kann dazu beitragen, dass es gelingt – oder eben nicht. Deutschland hat die erste Phase der Corona-Pandemie überstanden, die Politik lockert die Einschränkungen in unserem Leben. Geschäfte und Restaurants öffnen wieder, Kinder kehren in Schulen und Kitas zurück, Gottesdienste werden wieder gefeiert. Alles reglementiert, aber immerhin. Die Lockerungen bedeuten Freude und Erleichterung, aber sie sind auch riskant: Jederzeit droht eine zweite Infektionswelle.
Die neue Normalität wird nur funktionieren und die gerade zurückgewonnenen Freiheiten werden nur von Dauer sein können, wenn wir uns alle auf Werte besinnen. Auf Werte, die auch uns Christen wichtig sind: Vertrauen und Vergebung, Gemeinsinn und Geduld.

Die Bürger werden den Wissenschaftlern vertrauen müssen, die unter Hochdruck das Coronavirus erforschen und immer neue Erkenntnisse verarbeiten – was zwangsläufig dazu führt, dass sich ihre Positionen ändern und auch mal widersprechen. Vertrauen müssen sie auch den Politikern, die aus der Forschung Entscheidungen ableiten, hoffentlich nach bestem Wissen und Gewissen.

Vergeben werden viele müssen: Eltern ihren meckernden Kindern, Supermarktkunden der gestressten Kassiererin, Chefs den auch mal unkonzentrierten Mitarbeitern – weil alle in dieser Ausnahmesituation überfordert sind, Fehler machen, dazulernen.

Muss ich sofort alles tun, was ich wieder darf?

Jeder sollte sich bewusstmachen, dass es gerade nicht nur um ihn geht, sondern um alle. Jeder kann sich fragen, wo er sich zurücknehmen und anderen den Vortritt lassen kann: Hat vielleicht jemand anderes die ersten Friseurtermine, die Reservierung im Restaurant, den Platz im Gottesdienst nötiger als ich? Riskiere ich durch mein Verhalten womöglich zu viel, für mich, für meine Angehörigen, für die Gesellschaft? Muss ich sofort alles tun, was ich wieder darf? Sind meine Vorsicht und meine Rücksicht nicht gerade jetzt, in der allgemeinen Aufregung, besonders gefragt?

Zuletzt haben sich in Deutschland berechtigter Frust und absurdes Luxusgejammer gefährlich gemischt: Viele fürchteten um ihre Existenz, andere beklagten es schon als Freiheitsberaubung, dass sie ein paar Wochen nicht bei ihrem Lieblingsitaliener speisen konnten. Klar ist: Wir werden bis zum Ende der Pandemie noch viele Zumutungen und Unsicherheiten aushalten und viel Geduld haben müssen – bis hin zur erlösenden Antwort auf die Frage, wann es einen Impfstoff geben wird, der das Virus besiegt. Am besten können wir den Weg zu diesem Ziel gemeinsam bewältigen. Jeder trägt dabei Verantwortung, jeder ist systemrelevant, auf seine Art, an seinem Ort.

Andreas Lesch

Quelle und Link: www.Tag-des-Herrn.de

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors