Predigt 3-Faltigkeit

Pfarrer Christoph Jan Karlson

Predigt am Dreifaltigkeitssonntag
07. Mai 2020
Joh 3

Gott ist die Liebe
Ich habe gestern gelernt, dass die Zisterzienser (also die Mönche, die uns in Brandenburg den Glauben gebracht haben) am Dreifaltigkeitsfest nicht predigen sollten. So stand das in ihren Ordenssatzungen. „propter difficultatem“ – wegen der
Schwierigkeit. Damit haben sie vermutlich recht.
Denn etwas Sinnvolles jedoch in einigen, wenigen Minuten zum Dreh- und Angelpunkt christlicher Theologie zu sagen, ist wirklich nicht so einfach. Eben weil wir in der westlichen Tradition eher zum analytischen Denken neigen (analyo – zerschneiden, zergliedern, auflösen), ein Problem also in Päckchen gliedern und abarbeiten. Das kann man auch in der Theologie machen. Dazu braucht man aber Zeit. Und es kann sein, dass es kompliziert wird. Über das drei = eins und eins = drei hat schon Goethe gespottet. für die meisten Menschen gibt es heute wirklich wichtigere Probleme als theologische Kreuzworträtsel und höhere Mathematik.
Deswegen lade ich Sie heute ein in eine Welt, in der das Dreifaltigkeitsfest nicht aus Mathematik besteht, sondern aus einem Bild.

Diese Welt heißt Sergijew Possad – hier steht etwa 80 km von Moskau entfernt – das berühmteste Kloster Rußlands: die Dreifaltigkeits-Lawra. Ich war da vor Jahren einmal gewesen. Man fährt mit einer kleinen Vorortbahn dort hin oder rast mit dem Auto auf der Autobahn. Und wenn Sie da heute hinfahren könnten, da würden Sie Ihr grünes Wunder erleben. Heute ist bei den russischen Christen nämlich Pfingsten. Das heißt aber auf russisch: День Святой Троицы (Tag der heiligen Dreifaltigkeit) und also ist
im Dreifaltigkeitskloster also auch noch Patronatsfest. Alle Kirchen sind heute über und über mit grünen Bäumchen – Birken oder Zweigen geschmückt. Und auch die Messgewänder sind grün. Und es sind Himmel und Menschen versammelt um der Liturgie des Patriarchen beizuwohnen. In diesem Jahr vielleicht nicht, wegen der
Ausgangssperre. Aber sonst auf jeden Fall.
Einer der berühmtesten Mönche dieses Klosters war Andrej Rubljow und eine seiner schönsten Ikonen steht heute im Mittelpunkt: mit Grünzeug und Seide geschmückt, es ist das Bild der alttestamentlichen Dreifaltigkeit. Das Original ist allerdings in die
Tretjakov-Galerie gebracht worden – es ist umwerfend schön. Die Menschen in Moskau, die in dieses Museum gehen, sind immer etwas erstaunt, denn es gibt viele, die bezahlen Eintritt und gehen hin zu der Ikone und werfen sich im Museum auf den Fußboden und beten. Wenn man das miterlebt, macht einen das schon nachdenklich.

Aber zurück zum Thema:
Die Orthodoxie ist von platonischem Gedankengut weitaus mehr geprägt als der Westen. Wir sagen: Dreifaltigkeit, das ist doch nur eine Idee, eine Vorstellung – das Fest dazu ist ein Ideenfest. – Und dazu noch eine philosophische Idee, logisch paradox und ziemlich unverständlich.
Im östlichen Denken ist das etwas anders: natürlich ist die Dreifaltigkeit eine Idee.
Griechisch: Eidos – ist nicht nur eine abstrakte Idee, sondern auch eine Gestalt, ein Bild.
Wenn ich die Ikone anschaue, dann stehe ich vor der Idee. Und sehe sie an. Ich stehe vor dem Bild, die Idee sieht mich an, das himmlische Licht erfüllt mich und ich beginne nach und nach zu schauen. Nicht ich zergliedere, analysiere, sondern die Idee selbst – in diesem Falle der Heilige Geist – denkt in mir – ich trete ein in eine Beziehung zum Heiligen. Anders gesagt: Gott kommt zu mir. Ich kann vor Gott
nämlich gar nichts tun. Nur Geduld haben – nicht mit Gott, sondern mit mir. Genau das sagt Jesus dem Nikodemus. Gott kommt zu dir. Du musst ihn nur lassen.

Es ist ganz einfach – wie das heutige Evangelium: Gott ist Liebe. Und Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn schenkte, hingab, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. D.h. den Heiligen Geist empfangen, d.h. selbst wie
Gott werden.
Das ist die Botschaft des Christentums – natürlich gibt es da eine Unmenge darüber zu sagen, zu spekulieren. Das Dogma jedoch ist ganz einfach: Gott ist Liebe.
Das ist nicht trivial. Jeder, der schon einmal verliebt war, weiß, dass das nicht immer angenehm sein muss. Verschwenderische Liebe kann man auch nicht groß erklären.
Heilig werden heißt sich einüben in die Schau. Teilhaben an der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Gottes Blick aushalten.
Das ist auch nicht so einfach.

Vielleicht hatten Sie in den Wochen der Coronazeit auch das eine oder andere  Nikodemus-Gespräch, wo Sie mit jemandem über Gott und die Welt reden konnten?
Wenn nicht, dann ergibt es sich ja vielleicht in den Sommermonaten. Über das Schauen nachdenken. Was kann ich sehen? Was kann ich verstehen? Und was übersteigt mein Sehvermögen oder mein Denkvermögen. Amen.