Das Erbe meines Vaters

Beitrages in der MAZ vom 14.1.2019
von Birk Grüling „Das Erbe meines Vaters“

Was macht einen guten Papa aus? Das ist eine ziemlich schwere, eine ziemlich große Frage. Das erste Mal bewegte sie mich während der Schwangerschaft meiner Frau. Wie präsent muss ich im Leben meines Kindes sein? Darf ich auch mal lange arbeiten, an meine Karriere denken und reicht gemeinsame Zeit am Wochenende? Verlässliche Antworten kenne ich bis heute nicht.

Vielleicht gibt es sie gar nicht. Auch wenn die Regale im Buchladen voll von Elternratgebern sind, verrät einem doch niemand, wie Vatersein wirklich geht. Es gibt höchstens Anregungen, aber keine Patentrezepte. So bleibt die Suche nach der eigenen Vaterrolle eine sehr private, intime Angelegenheit. Für mich persönlich gab es aber einen Augenöffnermoment rund vier Monate vor der Geburt meines Sohnes. Mein Vater sollte am Herzen operiert werden – ein schwerer Eingriff mit neun Bypässen. Wir saßen auf einer Parkbank vor dem Krankenhaus. Mein Vater wirkte gebrechlicher und älter als sonst. Wir sprachen über das Vaterwerden, seine Vorfreude auf den Enkel und den Tod. Zum Abschied fragte ich ihn, ob er Angst vor dem Tod hätte. Seine Antwort: „Warum sollte ich? Ich hatte ein tolles Leben. Ich habe viel erlebt und dich aufwachsen sehen. Vatersein war die wichtigste Erfahrung in meinem Leben.“ Ich hatte einen Kloß im Hals und versicherte, bald wiederzukommen. Zum Abschied erinnerte ich ihn noch an seine Verantwortung als werdender Opa.

Zwei Tage später weckte mich das Handy. Fünf Uhr am Morgen, es war bereits der dritte Anruf meiner Mutter. Ich wusste sofort, was passiert war. Seinen Enkel lernte mein Vater nie kennen. An seine letzten Worte erinnere ich mich trotzdem fast täglich. Für mich war ab diesem Zeitpunkt klar, dass ich nie bereuen will, zu wenig Zeit mit meinem Sohn verbracht zu haben, und ich beschloss, weniger und freier zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob Präsenz wirklich einen guten Vater ausmacht. Aber die gemeinsame Zeit ist mir unendlich wichtig, und ich möchte keinen Tag auf dem Spielplatz, keinen Nachmittag mit den immer gleichen Kinderbüchern missen. Mein Vater hat mit seinen letzten Worten etwas sehr Wertvolles getan, mir den richtigen Anstoß gegeben, mich an etwas Wichtiges im Leben erinnert. Vielleicht sind es genau solche Momente, die einen guten Vater ausmachen.

Mit freundlicher Genehmigung der Potsdamer Tageszeitung Märkische Allgemeine

und des Autors

Birk Grueling
geb. 1985, aufgewachsen im niedersächsischen Niemandsland, Mathe und Kultur-Journalismus studiert in Hannover und das Herz verloren an Hamburg. Mit Frau und Sohn lebe ich heute in der beschaulichen Nordheide. Als freier Journalist schreibe ich hauptsächlich über Bildung, Familie und Texte für Kinder.