Gesichter und Geschichten

Quelle: Förner, Stefan/ Mantey, Konstantin und 12 weitere Autoren: Erzbistum Berlin – Gesichter und Geschichten. Portraits, Interviews, Berichte. Taschenbuch Berlin 2011.
Herausgeber: Erzbischöfliches Ordinariat Berlin

Damals war unser Propst noch auf Rügen, deshalb heißt es:

Keine normale Landpfarrei

Pfarrer Arnd Franke

KM: Ein gemütliches Wohnzimmer haben Sie hier!
Arnd Franke: Das ist nicht nur mein privates Wohnzimmer. Das ist auch Jugendraum, Essenraum und Gemeinschaftsraum in einem. Für mich habe ich zwei kleine Zimmer und ein Bad. Auch die Küche
wird gemeinsam genutzt, und so kommt es häufig vor,dass wir gemeinschaftlich essen. Der Zivi, Jugendliche, die Sozialstunden leisten, und andere Gäste. Ich habe das in Amerika so kennen-gelernt: Jeder Priester hat keine Wohnung, sondern nur ein oder zwei Zimmer im Pfarrhaus, Küche sowie Wohnzimmer stehen
allen offen. Allein durch die Wohnsituation gibt es automatisch mehr gemeinsames Leben. Insofern ist es hier ein offenes Pfarrhaus.

KM: Nach Ihrer Priesterweihe im Jahr 2000 haben Sie in den USA ein Lizenziatsstudium in Fundamentalmoraltheologie gemacht, an der Jesuit School of Theology in Cambridge, Massachusetts. Studiert haben Sie u.a. auch in Rom am Collegium Germanicum, waren Diözesanjugendseelsor-ger und sind seit 2006 wieder an die Küste zurückgekehrt, wo Sie – im benachbarten Stralsund – geboren wurden.
Arnd Franke: Nach 14 Jahren Odyssee, also in aller Welt, wieder in die Heimat zu kommen und zu sehen, wie viel sich verändert hat und wie viel sich auch nicht verändert hat, war sehr interessant.

„Mich erfüllt die Arbeit und das Alleinsein, aber ich empfinde es als einen Verzicht“

KM: Und jetzt sind Sie der Pfarrer für die ganze Insel Rügen…
Arnd Franke: In Bergen wohne ich, aber Binz und die Erweiterung der Kirche ist das Thema, das mich seit meiner Ankunft hier am meisten beschäftigt. Damals konnte der Kirchenbau fast schon begonnen werden. Doch es gab viele ungelöste Probleme, außerdem fehlte noch Geld. Neben Spenden der Gemeinde und der vielen Urlauber und der Unter-stützung durch das Bonifatiuswerk und unser Erzbistum gaben letztlich EU-Fördermittel den Ausschlag. Normalerweise gibt es mittlerweile zu große Kirchen, doch dass eine Kirche zu klein sein könnte, das war den Förderern auch neu. Am 24. Mai 2009 konnten wir endlich beginnen mit dem ersten Spatenstich des Kardinals. Während der Bauzeit feiern wir Gottesdienst im »Haus des Gastes«, in der Saison ist der Zweihundert-Leute-Saal voll. Wenn am 8.Januar 2011 Kardinal Sterzinsky, der immer hinter dem Projekt stand, den Altar geweiht hat, ist die Gemeinde nach 15 Jahren und dem dritten Entwurf am Ziel.

KM:
Laut Schematismus sind Sie auch der »Beauftragte für
Tourismusseelsorge im Dekanat«, das liegt bei Rügen ziemlich nahe, und das ganz allein auf Deutschlands größter Insel …
Arnd Franke: Rügen ist keine normale Landpfarrei, es gibt 1.400 Gemeindemitglieder, 300 weitere, die die Hälfte des Jahres hier leben, und die vielen Urlauber. Neue wie wiederholt kommende Gäste und immer mehr wollen hierher. Im Winter haben wir sieben und im Sommer acht Gottesdienstorte. Vorabendgottesdienste in Sassnitz und Garz, und am Sonntag Bergen, Binz, Sellin, Altenkirchen im Juli und August, in Gingst am Donnerstag. Hinzu kommen dann noch die ökumenischen Ufergottesdienste, vierwöchentlich im Sommer. Der evangelische Pastor Ludwig Gotthard Kosegarten wollte auch die Fischer am Gottesdienst teilhaben lassen, und so stellte er sich an die Steilküste und bepredigte sie von dort aus. Heutzutage sind es nicht die Fischer auf dem Wasser, sondern die Touristen an Land.

KM: Und wie schaffen Sie das? Sie sind doch der einzige
Pfarrer auf der Insel!
Arnd Franke: Ich bin froh über die Zusammenarbeit mit Diakon Seyer, der in Binz mit seiner Frau lebt und mit einer halben Stelle in der Gemeinde mitarbeitet. Aber ich hätte schon gerne noch einen
Ruheständler an der Seite. Ein großes Glück ist der Zivi, den leistet sich die Gemeinde, der macht Fahrdienste und Hausmeistertätig-keiten.

»Mich erfüllt die Arbeit und das Alleinsein, aber ich empfinde es als einen Verzicht.«

KM: Obwohl Sie viel zu tun haben, viel unterwegs sind und ein offenes Pfarrhaus führen, könnte ich mir vorstellen, dass Sie auch häufig alleine sind. Wie ist das für Sie?

Kreative Spannung

Arnd Franke: Es geht um eine kreative Spannung, die ich versuche auszuhalten: Einerseits fehlt mir das Mitbrüderliche schon, andererseits finde ich Rügen einen sehr schönen Ort,um allein zu sein.Ich versuche das Stundengebet regelmäßig in der Kirche zu beten, aber auch täglich um den Nonnensee zu gehen. In dieser knappen Stunde tanke ich Tageslicht und frische Luft, ich habe Bewegung und Zeit für neue Ideen, aber auch um zur Ruhe zu kommen. Auf dem Weg entsteht ganz viel. Mich erfüllt die Arbeit und das Alleinsein, aber ich empfinde es als einen Verzicht.

KM: Ich stelle mir vor, dass Sie sehr viel unterwegs sind?
Bei Wind und Wetter?
Arnd Franke: Ja, ich habe fast jeden Tag eine Messe und bin überall. Der Winter 2010 hatte es ja auch in sich. Zum Glück habe ich einen Minijeep mit Allradantrieb. Den kann ich auch für den Sommer
gut gebrauchen, denn es gibt auf Rügen nicht nur Bundesstraßen. Was wir leider nicht realisieren konnten, war die Idee eines spirituellen Zentrums in einer romanischen Feldstein-Kirche in Bobbin mit wunderbarem Blick auf Kap Arkona. Als Partner waren
die Benediktiner aus Münster Schwarzach angedacht. Wir waren auch in Verhandlungen, aber leider wurde daraus nichts.

Kleine Schritte

KM: Das wäre ja großartig gewesen!
Arnd Franke: Und auch an einem idealen Ort: Die Kirche liegt auf dem Weg nach Kap Arkona, wohin es jährlich fast eine Million Menschen zieht. Wenn nur jeder zehnte davon dort anhalten würde,
hätten die Mönche mehr als genug zu tun. Das wäre eine schöne Sache geworden. Gerade an diesem hochtouristischen Ort, die Urlauber wären dafür empfänglich. Urlaub wird mehr und mehr zur Sinnsuche. Ich könnte mir sogar ein Exerzitienhaus auf der Insel vorstellen. Aber bis alle meine Träume wahr werden, versuche ich kleine Schritte zu gehen: Ich habe mir angewöhnt, nach der Liturgie die Leute mit Handschlag zu verabschieden, so erreiche ich viele, die sonst zu schnell verschwunden sind, ob Urlaubsgäste oder Einheimische. Es sind immer auch längere Gespräche dabei. Ich habe kein Konzept für Tourismuspastoral, mein Konzept ist es, bei den Menschen zu sein. Langfristig habe ich die Idee, jeder Kirche ein eigenes Profil zu geben: z.B. in Bergen ist die Pfarrkirche, Binz ist die Urlauberkirche, Sellin die Hochzeitskirche – vielleicht für jeden Lebensabschnitt eine Kirche. Was mich freut ist, dass ich jetzt
auch wieder Jugendliche habe, anfangs blieben die erstmal weg, aber jetzt ist das eben dran, jetzt kann ich mich dem widmen.

Jugendarbeit: Positive Erfahrungen
mit Kirche ermöglichen

KM: Bleiben die denn dabei?
Arnd Franke: Ich kenne die Klage: Viele sind enttäuscht, wenn die Firmlinge nach der Firmung wegbleiben. Aus Amerika habe ich gelernt, es eher wie bei dem biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn zu sehen. Es muss doch unser Ziel sein, reife Christen zu erziehen. So lösen sich auch viele von der Kirche. Aber sie kommen auch zurück, doch manchmal merken wir es gar nicht oder es gibt keine passenden Andockplätze. Die Herausforderung in Zukunft wird sein, die Erwachsenenpastoral mehr in den Blick zu bekommen und die Lebensfragen zu behandeln. In der Kinder- und Jugendarbeit soll doch vor allem eine positive Erfahrung mit Kirche ermöglicht werden. Was erinnern wir denn an unsere Jugendzeit? Meist, dass es eine tolle Zeit war. Und wenn sie zurückkehren aufgrund dieses Gefühls, müssen die Türen offen sein. Und sie kommen zurück, da bin ich ganz sicher!

»Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit!«

KM: Wie ist der Wunsch bei Ihnen aufgekommen, Priester zu werden?
Arnd Franke: Entscheidend waren für mich Menschen, die mich beeindruckt und geprägt haben. Mein Vorgänger auf der Insel Rügen war auch Kaplan in Stralsund, Harry Karcz, der ab 1990 da war und
mich sehr geprägt hat. In jenen Jahren starb mein Vater, ich wurde schwer krank und merkte erstmals bewusst: Nicht alles ist planbar. Pfarrer Karcz begleitet mich immer noch. Auch Father Brian Manning, bei dem ich in Boston lebte, begleitet meinen Weg und war mittlerweile schon dreimal auf der Insel zu Besuch. In Alt-Buchhorst fiel mir als Jugendlicher ein Faltblatt in die Hände: »Nachfolgen in Freiheit – Priestertum dein Weg?« Irgendwann erzählte ich davon
dem Pfarrer und dem Kaplan. Kirche habe ich mir angeeignet durch das Gemeindeleben, als Ministrant und bei den RKW. Und für einen Christen in der DDR besonders wichtig: Die Freiheit, wie auf diesem
Faltblatt. Das wurde dann auch mein Primizspruch:
Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit!

Das Interview führte Kontantin Mantey (KM).

Pfarrer Arnd Franke, geb 1973 in Stralsund, Priesterweihe
2000, zuletzt Diözesanjugendseelsorger, seit 2006 Pfarrer
auf der Insel Rügen.

… und nun wissen wir, seit 1.9.2018 ist Pfarrer Arnd Franke Propst für den Großraum Potsdam (Katholische Kirchengemeinden in Potsdam, Babelsberg, Michendorf und Werder) an St. Peter und Paul.