Im Kleinsten ist Gott groß

Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis B
8. Juli 2018

Im Kleinsten ist Gott groß

Schwierigkeiten Jesu mit seiner Heimat kommen in drei unterschiedlichen Versionen in drei Evangelien vor.
Nur bei Johannes gibt es diese Problemgeschichte nicht, sie wird in seinem Evangelium auf einen einzigen Satz zusammengefasst: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Dafür gibt es bei Johannes eine Notiz am Anfang, die noch viel verheerender wirkt:
Der Apostel Philippus trifft nämlich Nathanael – den Apostel Bartholomäus – und erzählt ihm von Jesus aus Nazareth, dem Sohn Josefs. Und der erwidert ihm einfach: Aus Nazareth? Kann von dort etwas Gutes kommen?
Nazareth scheint ein Synonym zu sein – für: Ach du lieber Himmel! Das Ende der Welt.
In Nazareth wird bis zum heutigen Tag ein Abhang gezeigt, von dem seine früheren Nachbarn Jesus herabstürzen wollten. Bei Lukas ist das sehr dramatisch geschildert. So weit kommt es im Markusevangelium nicht.
Bei Lukas und bei Matthäus stehen diese Schwierigkeiten jeweils am Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu: Da wird immer diese Geschichte erzählt: es ist nicht einfach, Gottes Sohn zu sein.
Im Markusevangelium haben wir diese Geschichte auch gehört – aber sie wird anders erzählt und vor allem nicht direkt am Anfang des Evangeliums und sie erhält dadurch einen anderen Dreh. Sie erlaubt einen Blick in die Herzen der Menschen.
Jesus ist nämlich kein unbeschriebenes Blatt bei Markus als ihm das passiert in Nazareth.
Das halte ich für ganz besonders wichtig und bedeutsam: Die Menschen haben ganz sicher davon gehört, wie Jesus mit dem Sturm auf dem See umgegangen ist, sie haben vielleicht das unglaubliche Wunder von der Erweckung der Tochter des Jairus erzählt bekommen. Ganz sicher haben sie von der ganzen Legion Dämonen gehört, die er in die Schweine geschickt hat, die dann elendig im See ertrunken sind. Solche Sachen sind Nachrichten, die Sensationscharakter haben. Das hat sich herumgesprochen. Jesus ist keiner, der mal kurz auf einem Trip ist, kein Ausreißer, der nach einem etwas zu lang geratenen Urlaub sich zurückmeldet. Er ist ein berühmter Mann geworden.
Und zunächst staunen sie auch über seine Worte. Woher hat er das alles und was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? Und dann kommt die fatale Logik: Der kommt doch wie wir aus der Provinz. Wir kennen ihn von klein auf. Da ist doch nichts Besonderes dran.
Und im Stillen finden wir diese Logik völlig korrekt. Haben sie nicht recht mit ihrer Skepsis?
Das ist doch verständlich, dass sie sich wundern.

Aber ich frage mich, warum stimmt eigentlich diese Rechnung: „Wir sind Mist. Also muss der auch Mist sein, denn er ist einer von uns.“ Warum denken wir eigentlich so?
Warum freuen sich die Leute nicht über die Wundertaten Jesu in Kapharnaum? Warum freuen sie sich nicht gemeinsam mit der Familie des Jairus?
Warum denken die Menschen so klein? Das Problem an dieser traurigen Haltung der Menschen von Nazareth ist nicht, dass Jesus aus Nazareth stammt – das stand sogar am Ende auf Golgotha auf der Tafel über seinem Kopf: Jesus aus Nazareth. Das Problem scheint mir: Sich selbst schlecht zu machen. Das hatten die Nazarener wohl verinnerlicht.

Vielleicht merken wir kurz vor dem Urlaub, dass wir auch ein wenig in das Hamsterrad des klein, klein geraten sind. Wir telefonieren und jammern über dies und das, meckern über die Welt und wie schlimm doch alles ist.
Natürlich ist die Welt nicht in Ordnung, aber wir haben keinen Grund alles immer noch düsterer zu sehen und zu machen.
Das Staunen steht am Anfang unseres Evangeliums. Dieses Staunen haben die Leute aus Nazareth nicht durchgehalten. Sie haben anfangs intuitiv gemerkt – hier passiert etwas, das wir noch nie gesehen haben – und haben dann doch innerlich aufgegeben: aber das kann ja alles gar nicht sein. Auch wenn all das stimmen sollte, was von Jesus erzählt wird. Hier bei uns in der Provinz geht das nicht – da hat alles nämlich keinen Zweck.
Und diese lähmende und bedrückende Atmosphäre scheint sich auf Jesus auszuwirken – er konnte dort keine Wunder tun.

Wenn wir in den Urlaub fahren wollen, dann wird es darauf ankommen, uns frei zu machen von der Resignation, wieder das Staunen zu lernen und das „klein, klein“ hinter uns zu lassen.
Dazu muss man nicht einmal weit wegfahren. Man muss nur das Kleine und Unscheinbare als Geschenk Gottes wieder neu annehmen lernen. Wieder sehen lernen.
Angesichts der vielen Wunder Gottes in dieser Welt ist der Unglaube wirklich erstaunenswert. Die Leute fahren in die Südsee wo alles so ist wie im Paradies, sie klettern in den Alpen wo sie ein hinreißender Ausblick nach dem anderen erwartet. Alles phantastisch! Und sie sagen: naja, ist sehr schön. Aber Schöpfung würde ich dazu nicht sagen: ist alles ein dummer Zufall diese ganze schöne Welt.
Aus Versehen so geworden. Das ist das wirklich Erstaunliche an unserer Zeit. Selbst angesichts der schönsten Dinge wissen wir es besser. Und wenn wir dann auch noch sagen: das mit meiner Existenz war auch ein dummer Zufall, aus Versehen so geworden, dann wird es ganz bitter. So kann man nicht leben. Das ist nicht die Botschaft Christi. Das ist zerstörerisch und lähmend.
Tja, da kann man dann nichts mehr sagen. Da ist es vielleicht wirklich die einzig mögliche Reaktion: und er zog in andere Dörfer.
Wollen wir Gott bitten, dass uns der Alltag nicht so auffrisst, dass wir den Glauben verlieren. Und wollen wir ihn bitten, dass er uns wieder neu Kraft schenkt, das Staunen zu lernen. Amen.