Predigt 7. Ostersonntag

Pfarrer Christoph Jan Karlson

Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit
24. Mai 2020
Joh 17,1-11 

Gott erkennen?

Die Osterzeit in diesem Jahr werden wir sicher lange nicht vergessen: so anders ist alles geworden. Äußerlich hat sich wenig verändert in der Antoniuskirche.

In Michendorf schon – dort feiern wir die Gottesdienste zur Zeit im Pfarrsaal, der für die Messfeier hergerichtet wurde.

Aber die größte Veränderung ist doch eine innerliche. Die Osterzeit ist genauso still wie die Fastenzeit in diesem Jahr. Vielleicht gibt es hier eine Ähnlichkeit mit dem Judentum, das nach dem Osterfest die 50tägige Omerzeit kennt: das Omer-Zählen, das erst am Pfingstfest beendet wird und im heutigen Judentum eine stille Zeit ist, die dem Gedenken an die verschiedenen Prüfungen gewidmet ist, die Gott seinem Volk auferlegt hat.

Diese stille Osterzeit – sie mündet ein in diese letzte Woche vor Pfingsten, wo wir in der 1. Lesung hören, wie die Apostel sich mit Maria und den anderen Frauen und den Brüdern Jesu zurückziehen – in den Abendmahlssaal, in das Obergemach. Dort verharrten sie einmütig im Gebet.

Das Verharren. Das kennen wir nun alle. 2 Monate Schweige-Exerzitien. Oder 2 Monate Hausaufgaben für und mit den Kindern. Das hält nicht jeder aus.

Beim Omer-Zählen ist es etwas einfacher – und eben auch bei Exerzitien. Da weiß man, irgendwann ist Schluss. Dann sind die Tage rum.
In unserer Situation ist aber alles von so vielen Faktoren abhängig, man weiß nicht, wie sich die Infektionszahlen entwickeln und muss weiter verharren. Ausharren.

Wenn Sie, liebe Familien, diese Zeit des Ausharrens einigermaßen gut überstanden haben, dann können Sie vielleicht das heutige Evangelium leichter verstehen, als in den früheren Jahren.

Es wird aus dem letzten Teil der Abschiedsreden Christi vorgelesen, der auch das „hohepriesterliche Gebet Jesu“ genannt wird. Es ist der theologisch dichteste und schwierigste Text des Johannesevangeliums – man versteht im Grunde kaum einen Satz auf Anhieb. Da geht es um Worte wie „Verherrlichung“, „die Welt“, „ewiges Leben“ und um „Erkennen“. Über das „Erkennen“ im Johannesevangelium – und überhaupt in der biblischen, antiken Sprache – möchte ich Ihnen etwas sagen:

Jesus sagt von sich, er ist in diese Welt gekommen, damit alle das ewige Leben haben. Und wie können sie das haben? Man muss keine Tablette nehmen oder einen kleinen Piekser aushalten. Sondern „den einzigen wahren Gott erkennen und den, den er gesandt hat: Jesus Christus.“

Sehen Sie – und schon sind Sie enttäuscht. Gott erkennen? Geht doch gar nicht.

Die Erkenntnis, die Johannes in seinem Evangelium meint, ist nun keine intellektuelle Sache. Wir haben heute eine andere Vorstellung von Erkenntnis. Wir meinen damit vermutlich mehr – den Überblick haben. Verstehen, wie eine Sache funktioniert, womöglich die Abläufe noch mathematisieren. Dann kann man eine komplexe Angelegenheit in die Einzelabläufe aufdröseln und sogar berechnen, wie es laufen muss. Verstanden.

Johannes meint aber keine Berechnung. Keine knifflige Angelegenheit, sondern eine existentielle. Eine Sache des Lebensvollzugs, des Herzens. Erkenntnis geschieht in der Antike nach dem Axiom Gleiches wird durch Gleiches erkannt. Erkenntnis bedeutet die innere Durchdringung einer Sache.

Das wird schon allein daran deutlich, dass auch an anderen Stellen der Schrift mit demselben Wort für erkennen die eheliche Vereinigung bezeichnet wird.

Aber eben nicht nur. Eine Erkenntnis kann auch ein Einfühlen beinhalten – man versucht die Situation des anderen mitzuerleben, vielleicht auch seine Wege mitzugehen. Es ist eine Art Imitation des anderen dabei im Prozess der Erkenntnis, die eine tatsächliche Verähnlichungswirkung haben kann. Eine langsame und unaufhörliche Annäherung. Am Ende eines langen Lebens zweier Menschen, die sehr viel von einander wissen, kann es vorkommen, daß sie auch die Gedanken des anderen erraten können – oder daß sie einander so ähnlich geworden sind, daß sie die gleiche Antwort geben.

Also – Erkennen in der Bibel ist anders als schnell mal nachschlagen oder vorausberechnen oder eben googeln. Erkennen heißt Einswerden mit dem Erkannten.

Und vielleicht haben Sie in den vergangenen Wochen Ihren altbekannten Ehepartner ganz neu kennengelernt.

Und ich hoffe, Sie haben ihn wieder neu lieben gelernt. Das ist ein langer Weg. Bei einem Menschen kann man nie alles erkennen. Und so ist es auch bei Gott und seinem Sohn. Er hat sich seinen Freunden geöffnet und von sich gesprochen. Wie schwer es ist, etwas von sich, zu erzählen, das wirklich wichtig ist, das wissen wir alle. –
Es reicht, sein Wort im Herzen zu bewahren. Und zu glauben: er ist wirklich der Sohn Gottes.

Raimon Panikkar hat einmal geschrieben, daß die Wissenschaftler mit Ideen experimentieren, der Mönch aber mit seinem Leben.

Und ich meine, das gilt eigentlich für jeden, der sich auf ganz existentielle Weise auf einen anderen Menschen einlässt, also in so einen Erkenntnisprozess eintritt. Jeder, der heiratet, experimentiert mit seinem Leben. Jeder der ein großes Ja wagt in seinem Leben, wirklich sich selbst einsetzt, der kann die Erfahrung machen, dass man Angst bekommt vor der Unwiderruflichkeit die da mit dabei ist.

Wer sich auf eine Beziehung einlässt, wird das merken: Ich werde ein anderer werden. Ich werde mich am anderen verändern. – In der Beziehung zu Christus ist die Veränderung eine, die uns nicht unsicher machen sollte: sie heißt – ewiges Leben.

Amen.