Predigt Epiphanie 2018

Predigt unseres Pfarrers Christoph Karlson
am Fest der Erscheinung des Herrn 2018
6. Jan. – 9.00 u 11.00 Uhr

Über das Schenken

In diesem Jahr haben wir – dankenswerter Weise – wieder ein sehr schönes Krippenspiel erleben dürfen.

Zu einem klassischen Krippenspiel gehören symbolische Dinge wie der Stern von Bethlehem, Engel, Hirten, Herbergswirte und auch 3 wunderbare Könige.

Und jedesmal denke ich – das ist ja alles ganz schön zusammengewürfelt: ob die Hirten des Lukasevangeliums jemals die Magier aus dem Matthäusevangelium zu Gesicht bekommen haben?

Aber dann denke ich mir: ohne Könige kein Stern – denn den Stern nur als Deko zu verwenden, das geht nicht.

Die Gestalten an der Krippe – ob aus dem Matthäusevangelium oder aus Lukas – sie kommen von irgendwo und haben keinen Namen und gehen auch wieder. Es sind keine normalen Menschen, die tagsüber arbeiten, vielleicht Schuhe reparieren oder Brötchen backen oder Unterricht geben. Es sind Menschen, die sich auskennen mit der Dunkelheit. Nachtarbeiter. Die einen behüten ihre Herden vor nächtlichen Raubtieren, die anderen klettern nachts aufs Dach und schauen sich die Sterne an.

Ansonsten unterscheiden sich die Hirten von den Magiern schon: die Hirten schauen sich das Kind nur an und erzählen die Engelsbotschaft. Die Magier jedoch huldigen und bringen Geschenke dar. Es gibt viele Deutungen, schöne Deutungen dazu – Gold für den König, Weihrauch für den Gott, Myrrhe für den leidenden Menschensohn. Symbolgeschenke. Wieso bringen sie überhaupt Geschenke mit? Ist das nicht übertrieben?

In diesem Jahr bekam ich von einem meiner Geschwister vor Weihnachten die rettende Nachricht: „dieses Jahr nichts schenken?“ Ich antwortete: Daher kommt wohl das schöne deutsche Wort: „sie schenken sich nichts“!

Für die Kinder haben wir natürlich etwas gehabt – aber gegenseitig sich Geschenke organisieren, das ist dann doch recht aufwendig. Man kann bei Geschenken auch ziemlich daneben liegen. Aber man kann auch – gerade wenn Überraschung mitspielt – auch große Freude verbreiten.

Das Schenken gehört zu den grundlegenden Phänomenen menschlichen Zusammenlebens. Aber – wie Sie alle wissen – ist es eine komplizierte Sache. Denn niemand ist verpflichtet, ein Geschenk anzunehmen. Deshalb haben die Magier auch vor das Schenken die Huldigungsgeste gesetzt. Das ist in Mesopotamien – im Alten Orient seit langem üblich: die Proskynesis – die Niederwerfung vor dem Gottkönig. Eine Demutsgeste, die die Annahme des Geschenks leichter macht.

Das Schenken ist eine anstrengende Sache, weil wir damit etwas Unsagbares ausdrücken. – Das ist heute so und das war zur Zeit Jesu in der Antike so und auch schon seit Jahrtausenden im Alten Orient.

Eine ähnlich alte Geschichte, die uns Plato erzählt, mag das deutlich machen:

Eines Tages, als Sokrates von seinen Schülern Geschenke bekam, wobei jeder ihm etwas entsprechend seinen Mitteln brachte, sagte Aischines, der arm war, zu ihm: „Ich kann dir nichts schenken, was deiner würdig ist, und da habe ich begriffen, daß ich rein gar nichts hatte. Deshalb schenke ich dir das einzige, was ich besitze: mich selbst. Ich bitte dich, dieses Geschenk, so wie es ist anzunehmen und dich daran zu erinnern, daß die anderen, auch wenn sie dir viel gegeben haben, doch einen großen Teil für sich behielten.“ Worauf Sokrates antwortete: „Wie sollte dies kein großes Geschenk sein, es sei denn, du erkennst dir nur wenig Wert zu? Deshalb werde ich darauf achten, dir selbst einen besseren Menschen zurückzugeben als den, den ich erhalten habe.

Hier wird alles deutlich, worauf es beim Geben ankommt: Das einzige was der Gebende erwarten darf ist die χαρις – die Dankbarkeit, die großzügige Gegenseitigkeit. In lateinischer Sprache heißt das ›gratia‹ (Gnade) – daraus ist dann später ein theologisches Spezialwort geworden. Ein Wort, mit dem wir uns heute schwertun. Der Empfangende ist zu nichts anderem verpflichtet: nur Dankbarkeit. Auch kein Gegengeschenk. Schenken ist etwas grundsätzlich anderes als Tauschen oder Handeln. Bei Kauf und Verkauf muß bezahlt werden, oder es liegt Betrug vor. Das Verhältnis von Kauf- Verkauf ist unpersönlich – die Beziehung zwischen Käufer und Verkäufer spielt keine große Rolle, ja sie erschwert sogar das Geschäft. – Die Rückgabe einer Ware ist problemlos – die Zurückweisung eines Geschenkes ist eine äußerst unangenehme Angelegenheit – für beide Seiten.

Das ist auch das Problem, das Platon und auch Aristoteles in ihrer Kritik an den Sophisten benennen. Diese lassen sich nämlich ihre Weisheit bezahlen – aber das zerstört das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das Geschenk stiftet eine Beziehung – eine Bezahlung jedoch zerstört sie. Wie viele Freundschaften sind schon an Geldsachen zerbrochen.

Mit den Lehrern der Philosophie soll man es nach Aristoteles halten wie mit den Göttern und unseren Eltern: seinen Pflichten nachkommen, so gut man es vermag. – Und was heißt das konkret? Dankbarkeit gegenüber den Göttern drückt sich in Weihegeschenken aus – die Dankbarkeit gegenüber den Eltern in Respekt und großzügiger Unterstützung – das gebietet schon allein der gesunde Menschenverstand. (Topik, I, 105 a5-7): Leute, die da zweifelnd fragen: Soll man die Götter ehren und die Eltern lieben oder nicht? die Verdienen keine Antwort, sondern Zurechtweisung, und solche, die fragen: „ist der Schnee weiß oder nicht?“ sollten einfach mal hinschauen!

Warum gilt die Logik der Rückzahlung bei den Eltern nun nicht? Darum, weil es nicht nur um die Investitionen geht, die für uns nötig waren, als wir klein waren, sondern um das Leben selbst, das wir bekommen haben und die Liebe selbst, die wir von ihnen erlernt haben. Für das Leben aber ist jeder Preis zu hoch, sagt schon der Psalmist (Ps 49,9). Also kann man hier nicht mit Gütertausch, sondern nur mit der Logik der Gabe – mit Geschenken agieren, die unsere Gefühle symbolisieren.

Wenn wir den eigenen Wert des „Geschenke-empfangens“ und des Schenkens verstehen, dann verstehen wir auch die Welt der zeremoniellen Gabe, die alle archaischen Kulturen geprägt hat. Es ist eine Welt der Gastgeschenke, die ausgetauscht werden. Und diese horizontale Weise des miteinander über symbolische Gesten Kommunizierens unter Freunden funktioniert auch in der vertikalen Richtung – Eltern/Kind und Mensch/König oder Mensch/Gott.

Der religiöse Mensch findet sich seit jeher vor als jemand, der von den Göttern mit Leben beschenkt worden ist – und er sucht nach Möglichkeiten, ihnen die Dankbarkeit, die ihn erfüllt, symbolisch zu zeigen. Er macht Weihegeschenke – das spezifische Wort ist das ›sacrificium‹ – die Opfergabe. Das ist dann schon das nächste theologische Spezialwort in diesem Evangelium.

Die heidnischen Magierkönige aus dem Osten haben ihre Geschenke mitgebracht, weil sie einen neuen König vermuteten. Und weil sie ganz offensichtlich eine neue Beziehung zu diesem König knüpfen wollten.

Die Huldigungsgeschenke von damals waren eine Art Ehrenbezeugung, eine Geste der Unterwerfung und zugleich der Freundschaft – sie sollten zeigen: du bist unser König, du beschützt uns vor unseren Feinden. Die Gabe, die der König annimmt, stiftet eine Beziehung: Bitte vergiss uns nicht, wenn es zum Krieg kommt. Du musst uns dann beschützen.

Das ist auch unsere Bitte heute an den kleinen König von Bethlehem. Vergiss uns nicht, wenn Du in deiner Herrlichkeit kommst. Amen.