Schlagwort-Archive: Kirche

Kirche und ihre Titel

Die Kirche und ihre Titel

Pastor oder Pfarrer? Monsignore oder Prälat? Die vielen Bezeichnungen für katholische Geistliche können verwirrend sein. Katholisch.de geht durch die Kirchenhierarchie und erklärt die wichtigsten Begriffe.

Es ist schon erstaunlich: Eigentlich gibt es in der katholischen Kirche nur drei Weihestufen – die Weihe zum Diakon, zum Priester und zum Bischof. Aber existieren in der kirchlichen Hierarchie deshalb tatsächlich nur „Diakone“, „Priester“ und „Bischöfe“? Zumindest reichen diese drei Begriffe bei weitem nicht aus, um die genauen Funktionen aller katholischen Geistlichen zu beschreiben. Es existiert eine Vielzahl von Bezeichnungen für Angehörige des Klerus – und bei denen kann man schon mal durcheinanderkommen.

Wer ganz oben in der Hierarchie der Kirche steht, dürfte weitgehend bekannt sein: der Papst, auch Pontifex Maximus – Oberster Brückenbauer – genannt. Seit 2013 hat dieses Amt Papst Franziskus inne. Der Pontifex ist das Oberhaupt der katholischen Weltkirche, der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden und Nachfolger des Apostels Petrus, der als erster Papst der Kirchengeschichte gilt. Der Papst ist zugleich der Bischof des Bistums Rom. Somit hat er alle drei Weihestufen der Kirche – die aufeinander aufbauen – durchlaufen und muss zur Ausübung seines Amtes geweihter Bischof sein. „Heiliger Vater“ und „Eure Heiligkeit“ sind die gebräuchlichen Anredeformen. Weil der Papst auch Staatsoberhaupt ist – er ist Souverän des Staates Vatikanstadt –, entsendet er Botschafter in andere Länder. Diese Stellvertreter des Papstes heißen Apostolischer Nuntius. In Deutschland ist das zurzeit Erzbischof Nikola Eterović. Für die politischen und diplomatischen Aktivitäten des Heiligen Stuhlsbeauftragt der Papst den sogenannten Staatssekretär Seiner Heiligkeit oder Kardinalstaatssekretär. Er leitet die wichtigste Behörde des Papstes, das Staatssekretariat, und gilt deshalb nach dem Pontifex als „Nummer 2“ des Vatikan. Derzeit übt das Amt Kardinal Pietro Parolin aus.

Bischof ist nicht gleich Bischof

Gewählt wird der Papst im sogenannten Konklave von den Kardinälen, wobei diese lediglich bis zur Vollendung des 80. Lebensjahres wahlberechtigt sind. Der Begriff Kardinal (von lateinisch cardinalis: wichtig, vorzüglich) ist keine Amtsbezeichnung, sondern steht für eine vom Papst verliehene Würde, und zwar die nach dem Pontifex höchste Würde der Kirche. Für gewöhnlich sind Kardinäle geweihte Bischöfe – es existieren nur einige wenige Ausnahmen – und werden mit „Eure Eminenz“ angesprochen. Das Kardinalskollegium, also die Gesamtheit aller Kardinäle, ist beauftragt, den Papst bei der Gesamtleitung der Kirche in besonderer Weise zu unterstützen; an der Spitze des Kollegiums steht der Kardinaldekan, seit 2005 ist das Kardinal Angelo Sodano. Die Kardinäle unterteilen sich noch einmal in drei Klassen: Kardinaldiakone, Kardinalpriester und Kardinalbischöfe; diese Titel haben jedoch nichts mit dem Weihestatus zu tun, sondern zeigen allein die aufsteigende, vom Papst festgelegte Rangfolge an. Zu unterscheiden sind im Kardinalskollegium sogenannte Kurienkardinäle, die in den römischen Leitungs- und Verwaltungsorganen des Heiligen Stuhls mitarbeiten, und solche Kardinäle, die Diözesan(erz-)bischöfe sind.

Gutes Erkennungsmerkmal: Kardinäle tragen typischerweise karminrote Kleidung.

Der Begriff Diözesanbischof oder Ortsbischof meint einen Bischof, der ein katholisches Bistum – auch Diözese genannt – leitet. Daneben gibt es (Diözesan-)Erzbischöfe, die einem Erzbistum vorstehen, also einem Bistum, das meist aus historischen Gründen eine herausgehobene Bedeutung hat (Erz- = Ober-, Höchst-). Erzbistümer bilden in vielen Fällen zusammen mit einer gewissen Zahl „gewöhnlicher“ Bistümer – die auch Suffraganbistümer heißen – eine sogenannte Kirchenprovinz. So ist etwa das Erzbistum Köln mit seinen Suffraganbistümern Aachen, Essen, Limburg, Münster und Trier zur Kölner Kirchenprovinz zusammengeschlossen. Der jeweilige Erzbischof steht einer Kirchenprovinz als Metropolit vor – im Fall Köln ist das derzeit Kardinal Rainer Maria Woelki. Dem Metropoliten beziehungsweise Erzbischof kommen in seiner Kirchenprovinz verschiedene Sonderrechte zu. Er ist jedoch kein „Vorgesetzter“ der anderen Bischöfe. Diese sind alleine dem Papst unterstellt und leiten ihre Diözesen eigenständig.

Vom Diözesan(erz-)bischof zu unterscheiden sind Titular(erz-)bischöfe. Ein Titularbischof steht keiner eigenen (Erz-)Diözese vor, sondern nimmt andere Aufgaben in der Kirche wahr – zum Beispiel an der Römischen Kurie. Weil aber nach katholischer Tradition jedem geweihten Bischof ein Bistum zugeordnet werden muss, erhalten Titularbischöfe sogenannte Titularbistümer: Das sind historische Diözesen, die heute nicht mehr existieren. Auch der Weihbischof – eigentlich Auxiliarbischof(Hilfsbischof) – ist ein Titularbischof, denn er leitet kein eigenes Bistum. Seine Aufgabe ist es, einem Diözesanbischof bei der Ausübung dessen Amtes zu unterstützen. Weil das unter anderem Weihehandlungen wie Kirch- und Diakonenweihen betrifft, ist im deutschen Sprachraum die Bezeichnung „Weihbischof“ verbreitet. Ob Diözesan- oder Titularbischöfe: Die protokollarische Anrede für einen (Erz-)Bischof lautet „Eure Exzellenz“.

Mit dem Bischof, unter dem Bischof

Doch nicht nur der Weihbischof arbeitet im Bistum dem Diözesanbischof zu, sondern viele weitere Priester: Der Stellvertreter eines Ortbischofs wird Generalvikar genannt (vicarius = Stellvertreter, Statthalter). Er ist für die Verwaltung eines Bistums zuständig und leitet dessen zentrale Verwaltungsbehörde, das Generalvikariat oder Ordinariat. Einzelne Aufgabenbereiche des Generalvikars können zusätzlich an sogenannte Bischofsvikare vergeben werden. Zwar kommt dem Generalvikar ausführende, nicht jedoch die richterliche Gewalt in einer Diözese zu. Für die kirchliche Gerichtsbarkeit wird der Bischof vom Offizial oder Gerichtsvikar vertreten, der das Offizialat genannte Diözesangericht leitet. Die Priesterausbildung einer Diözese schließlich leitet der Regensin der dafür vorgesehenen Ausbildungsstätte, dem Priesterseminar; für die dortige geistliche Begleitung der Priesteranwärter ist der Spiritualzuständig. Die administrative und liturgische Leitung der jeweiligen Bischofskirche einer Diözese obliegt dem Domkapitel mit einem Dompropst und Domdechanten an der Spitze. Sollte ein Ortsbischof aus dem Amt scheiden, wird er in seinen Aufgaben bis zur Neubesetzung des Bischofsstuhls von einem Diözesanadministrator – im Bistum gewählt – beziehungsweise Apostolischen Administrator – vom Papst bestimmt – vertreten.

Den Titel einer „Propsteikirche“ trägt zum Beispiel Sankt Trinitatis in Leipzig.

Ein Bistum als kirchliche Verwaltungseinheit besteht aus vielen kleineren Verwaltungseinheiten, von denen die Pfarreien am geläufigsten sein dürften. Einer Pfarrei beziehungsweise Pfarrgemeinde steht der Pfarrervor, der für die dortige Leitung der Gottesdienste sowie die Seelsorge zuständig ist und zudem Verwaltungsaufgaben wahrnimmt. Heute existieren vielerorts Großpfarreien, die wiederum aus einzelnen Gemeinden bestehen. Dadurch werden neben dem Pfarrer weitere Geistliche notwendig. Für einen „selbstständigen“ Priester, der keine eigene Pfarrei leitet, wohl aber in einer Pfarrgemeinde arbeiten kann, ist die Bezeichnung Pastor (lateinisch für Hirte) üblich. Mehrere benachbarte Pfarreien können zu Stadt- beziehungsweise Kreisdekanaten zusammengefasst sein. Ihnen steht ein Dechant oder Dekan vor. Dieser ist üblicherweise einer der Pfarrer der im Dekanat gelegenen Pfarreien und koordiniert die gemeinsame pastorale Arbeit. Manche Pfarrer tragen zudem den Titel Propst: Sie stehen einer zentral gelegenen Pfarrei vor, deren Bedeutung durch die Verleihung des Titels „Propstei“ hervorgehoben wurde.

Einem Pfarrer zugeordnete Geistliche können je nach Aufgabenbeschreibung noch einmal eigene Titel führen. Ein Pfarrvikar oder Vicarius cooperator ist der rechtliche Stellvertreter des Pfarrers. Ein Subsidiar ist einer Pfarrei als Unterstützungskraft in seelsorgerischen und liturgischen Belangen zugeordnet. Als Rektor werden Priester bezeichnet, die für eine einzelne Kirche zuständig sind, die nicht Pfarrkirche ist. In Deutschland wird oft für die Hilfspriester eines Pfarrers allgemein der Begriff Kaplan verwendet. Kirchenrechtlich meint die Bezeichnung eigentlich einen Geistlichen in besonderen Diensten: in Krankenhäusern, Gefängnissen, der Militärseelsorge oder an Universitäten.

Auszeichnungen durch den Papst

Wer zum Priester geweiht ist, darf beziehungsweise durfte darauf hoffen, einen sogenannten päpstlichen Ehrentitel zu erhalten. Dabei handelt es sich um Auszeichnungen, die der Papst für bestimmte Verdienste verleiht und deren potenzielle Empfänger ihm häufig von einem Ortsbischof vorgeschlagen werden. Die Ehrentitel spalten sich in drei Klassen auf. Die unterste Stufe ist der Päpstliche Ehrenkaplan oder Kaplan Seiner Heiligkeit. Er wird als „Monsignore“ (Hochwürdigster Herr) angesprochen. Auf der zweiten Stufe steht der Päpstliche Ehrenprälat oder Prälat Seiner Heiligkeit. Die gebräuchliche Anrede ist „(Hochwürdigster) Herr Prälat“. Der Begriff „Prälat“ (Vorsteher) beschreibt daneben einen Geistlichen mit Leitungsbefugnissen, etwa einen Bischof oder höheren kurialen Mitarbeiter. Der höchste Ehrentitel ist der des Apostolischen Protonotars. Auch er wird als „Herr Prälat“ angesprochen. Bei den Protonotaren handelt es sich eigentlich um die Notare des Papstes beziehungsweise Heiligen Stuhls; der Titel kam verdienten Priestern jedoch auch ehrenhalber zu. Papst Franziskus hat im Jahr 2014 die Vergabe der Titel Prälat und Protonotar gestoppt. Ehrenkaplan können seither nur Geistliche ab dem 65. Lebensjahr werden.

Die niedrigste kirchliche Weihestufe bildet schließlich der Diakonat. Zu unterscheiden ist ein Diakon, der sich auf dem Weg zur Priesterweihe befindet, und das eigenständige Amt des Ständigen Diakons, der haupt- oder nebenberuflich arbeiten kann. Diakone (Helfer, Diener) sind grundsätzlich wie alle katholischen Geistlichen zum Zölibat verpflichtet, Ständige Diakone sind davon jedoch „freigestellt“, können verheiratet sein und Kinder haben. Rechte und Pflichten von „gewöhnlichen“ und Ständigen Diakonen sind ansonsten sehr ähnlich. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem die Assistenz des Priesters bei der Messe – so können Diakone das Evangelium vortragen und predigen. Außerdem dürfen sie die Taufe spenden sowie Trauungen und Begräbnisfeiern leiten. In den Gemeinden sind sie zudem in verschiedenen weiteren Formen der Verkündigung und der Seelsorge tätig.

Von Tobias Glenz

Weitere Infos

Die Oberhäupter verschiedener katholischer Ostkirchen werden als „Patriarch“ bezeichnet. Es handelt sich dabei zudem um den Ehrentitel einiger Metropoliten der lateinischen Kirche. Ähnlich verhält es sich mit dem Titel des „Großerzbischofs“, den manche Oberhäupter der mit Rom unierten Kirchen führen. Bei der Bezeichnung „Primas“ handelt es sich um einen oberbischöflichen Ehrentitel, der die besondere Bedeutung eines bestimmten Diözesanbischofs unterstreicht. Der Papst etwa ist „Primas von Italien“. In den katholischen Orden gibt es noch einmal ganz eigene Hierarchien und Titel, die nicht einheitlich sind, sondern sich von Gemeinschaft zu Gemeinschaft unterscheiden. (tmg)

Quelle und Link: www.katholisch.de

30 Jahre Bischof

Dresdner Altbischof Joachim Reinelt feiert 30 Jahre Bischofsweihe

Blick für Wesentliches geschärft

Der 20. Februar ist für den Dresdner Altbischof Joachim Reinelt der 30. Jahrestag seiner Bischofsweihe. Mit dem Tag des Herrn sprach der 81-Jährige über seine Erfahrungen mit dem Älterwerden.


Auch mit 81 Jahren ist Bischof Joachim Reinelt offen geblieben für Begegnungen mit Menschen jeden Alters. | Foto: Dorothee Wanzek

Was überwiegt im Rückblick auf Ihre aktive Amtszeit: Dankbarkeit oder Bedauern über das, was Sie nicht mehr erreichen konnten?

Beides spielt ineinander. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich manche Aufbrüche erleben konnte, in sehr unterschiedlicher Weise in den Pfarreien unseres Bistums. Es gab nicht eine Gemeinde, von der ich hätte sagen müssen: „Am liebsten will ich da nicht noch einmal hin.“ Auch dafür bin ich dankbar, und für die Gelegenheit, die Päpste aus der Nähe erleben zu dürfen, jeden in seiner Art.
Gewünscht hätte ich mir, dass es  im Volk der Sachsen und Thüringer insgesamt einen Aufbruch hin zum christlichen Glauben gegeben hätte. Sicher, es gibt Hoffnungszeichen, wenn man zum Beispiel die Christvespern  vor der Frauenkirche sieht, da kommen jedes Jahr Zigtausende hin. Es hat sich schon etwas bewegt. Sehr gerne hätte ich noch unendlich viele Menschen in der Osternacht getauft.

Wie sieht Ihr Alltag im Ruhestand aus?

Ich kann endlich vieles ruhiger angehen lassen, bin weniger gejagt, gelassener. Das empfinde ich als Geschenk. Früher hatte ich zum Beispiel kaum Zeit, die Abendmesse in der Dresdner Kathedrale präzise vorzubereiten. Heute kann ich vorher gründlich in mich gehen: Was würde Jesus den Menschen jetzt sagen?
Auch zum Radfahren habe ich jetzt öfters Zeit, und nie habe ich so viele Exerzitien gegeben wie jetzt als Ruheständler. Ich empfinde es als eine Gnade, so in die Tiefe gehen zu dürfen, Gemeinschaft pflegen zu können. Langweilig ist es mir bisher nicht einen Tag geworden. Manche Einladungen sage ich sogar ab, weil es zu viele sind und ich meine Gesundheit erhalten möchte. Recht häufig bin ich bei säkularen Gruppen zu Gast, zum Beispiel bei Rotarier- oder Lions-Clubs, neulich war ich auch bei einem Atheisten-Club. Manchmal staune ich über die Themen, die sie sich wünschen, „Gott ist die Liebe “ zum Beispiel oder die Hoffnungs-Enzyklika. Vor der habe ich die Veranstalter noch gewarnt: „Es wird Ihnen zu schaffen machen, was der Papst da sagt.“ Sie haben mit großer Offenheit reagiert: „Das wollen wir aber gerade hören!“

Nehmen Sie Anteil an neueren Entwicklungen im Bistum oder sagen Sie manchmal auch: Ich muss mich nicht mehr mit allem belasten?

Ich übernehme häufig Vertretungsdienste, habe viel Besuch. Selbstverständlich bekomme ich da die Herausforderungen und Probleme mit, die sich gerade mit den Strukturveränderungen im Bistum ergeben. Das bewegt mich schon sehr. Natürlich: Zusammenlegungen von Pfarreien sind unumgänglich, ich habe das selbst seit 24 Jahren tun müssen. Aber: Vieles ging wohl anfangs so schnell, dass manche Gemeinden nicht mitkamen. Auch wenn sich das Tempo verlangsamt hat, meine große Sorge bleibt, dass Priester in zu großen Pfarreien den persönlichen Kontakt zu ihren Gemeindemitgliedern verlieren und zu reinen Verwaltern werden. Auch die allerbesten Laien können die entstehenden Lücken nicht ohne Weiteres füllen. Die Zeit, die Ehrenamtliche einbringen können, ist naturgemäß begrenzt. Gerade in kleinen Gemeinden ist der gute Wille oft da, es fehlt für manche Aufgaben aber einfach auch an Fähigkeiten. Ich verstehe nicht, dass man nicht den Mut hat zu sagen, die Zeit ist reif, „Viri probati“ die Priesterweihe zu spenden, Männern, die sich als christliche Familienväter bewährt haben.
Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Ich sehe auch viel Positives an den aktuellen Entwicklungen. Der Vorteil einer bistumsweiten Umstrukturierung ist sicher, dass man sich nicht ewig mit diesem Thema beschäftigen muss. Ich sehe auch gute pastorale Ansätze, aus denen Neues wachsen kann. Wenn ich die erste Pfarrei anschaue, die in der Oberlausitz zusammengewachsen ist, kann ich nur staunen darüber, wie gut es dort läuft. Und: Der gegenwärtige Aufbruch wird nicht der letzte in unserer Kirche sein. Wenn man in der Kirche keine Neuaufbrüche bejaht, hat man die Kirche nicht verstanden.

Verändert sich mit wachsendem Alter Ihre Sicht auf das Leben, zum Beispiel darauf, was wirklich wichtig ist, was Schönheit bedeutet …?

Ich habe stärker den Tod vor Augen, weil viele Weggefährten sterben. Dies und das ruhigere Arbeitstempo fördert meinen Blick auf das Wesentliche. Ich kann Schönes bewusster wahrnehmen in der Musik, in der Natur, in der Begegnung mit Menschen … Dabei schaue ich nicht nur auf Äußeres, sondern auf die Spuren Gottes im Leben der anderen, übrigens beileibe nicht nur im Leben der Christen.
Je älter man wird, desto mehr begreift man, dass man von Gott noch gar nichts begriffen hat. Als junger Theologe bildet man sich vielleicht ein, etwas zu wissen, weil man in den Vorlesungen gut aufgepasst hat. Doch jetzt wird mir immer klarer, wie undurchdringlich das Geheimnis Gottes ist.
Ich bin jetzt eingeladen worden als Referent zum Thema „Es gibt soviel Elend in der Welt, und Gott macht nichts …“ Die Leute denken, ein Bischof muss da ja Bescheid wissen. Ich werde ganz ehrlich sagen: Auch ein Bischof weiß nichts, auch er versucht nur, sich anzunähern und bleibt auf der Suche. Natürlich findet er die eine oder andere Antwort im Evangelium, aber die ist ja nicht jedem schlagartig zugänglich. Ich meide da auch die fertigen Formulierungen, zum Beispiel „unsere Antwort liegt im Kreuz“. Für diejenigen, die dazu noch keinen Zugang haben, muss man ganz anders um Worte ringen. Dies zu erkennen, macht mich geduldiger mit anderen Menschen. Wir haben ja alle Gott nicht begriffen.

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ – das Zitat stammt von einer  Hollywood-Diva. Das Alter kann Angst machen, vor Demenz, eingeschränkter Selbst-Bestimmtheit, Einsamkeit, vor dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden,  vor dem Sterben … Kennen Sie solche Ängste auch?

Diese Ängste gehören zum Menschsein dazu. Natürlich hoffe ich, dass ich von Demenz verschont bleibe. Ein Pflegefall, der durch gute medizinische Betreuung lange gequält wird, möchte ich auch nicht werden. Aber ich habe bei vielen erlebt: Wenn es sie traf, bekamen sie auch die Gnade, vieles zu ertragen. Ich halte es jedenfalls für falsch, sich in alle möglichen Szenarien hineinzuspinnen, die einen treffen könnten. Das schwierigste ist sicher das Sterben selbst: Wir müssen alles verlassen und Vertrauen und Hoffnung darauf setzen, alles zu gewinnen. Auch da konnte ich bei vielen beobachten, dass dieser Augenblick mit großen Gnaden verbunden war. Mit Freuden gehen zu können, ist ein Geschenk,um das ich bete.

Haben sie Vorbilder im Altwerden?

Da fällt mir als erstes Kardinal König ein, ein großer Mann, der gegen Ende seines Lebens zwar körperlich entkräftet war, aber geistig immer weiter wuchs. Vorbildlich finde ich auch all die großartigen alten schwer kranken Menschen, die ich Zeit meines priesterlichen Dienstes kennengelernt habe. Manche haben gekämpft wie Löwen. Ich bete jeden Tag für die schwer Kranken, das schafft natürlich auch eine Verbindung zu dieser Realität. Nicht zuletzt darin fühle ich mich mit Papst Franziskus verbunden, der die Schmerzen sieht, die die Menschen leben und gerade dorthin geht.

Der jüdische Theologe Martin Buber hat einmal gesagt: „Altwerden ist ein herrliches Ding, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt“ …

Das würde ich unterschreiben.  Jeden Tag neu anfangen, darin liegt die Chance, wirklich und bewusst zu leben, auf das Wesentliche ausgerichtet.
Was bräuchte es aus Ihrer Sicht, damit die Gesellschaft stärker von der Weisheit und Erfahrung der Älteren profitieren kann?
Es bräuchte mehr Ehrfurcht vor dem Menschen überhaupt, nicht nur vor den Alten. Der Fokus in der Erziehung sollte nicht so einseitig auf die naturwissenschaftliche, sondern stärker auf die geistige Bildung gerichtet werden. Aufeinander hören ist eine Qualität, die mehr gepflegt werden müsste. Dann würde sich die Wahrnehmung der älteren Generation auch nicht auf das Thema „Betreuung“ reduzieren, wie es gegenwärtig oft geschieht. Je mehr Alte und Junge in Liebe verbunden sind, desto mehr verflüchtigen sich Probleme. Wenn die Generationen Konkurrenzkampf betreiben, dann geht gar nichts mehr. Auch für den Weg der Kirche in die Zukunft ist es entscheidend, dass keiner sich mehr über die anderen erhebt, dass jeder den anderen höher einschätzt als sich selbst.

Interview: Dorothee Wanzek

Aus Anlass des 30. Weihetags wird am 18. Februar um 10.30 Uhr ein festliches Hochamt mit Bischof Heinrich Timmerevers und Altbischof Joachim Reinelt in der Dresdner Kathedrale gefeiert.

Dorothee Wanzek,
Mit freundlicher Genehmigung der Kirchenzeitung
Tag des Herrn. www.tag-des-herrn.de,
Alle Rechte vorbehalten. © St. Benno-Verlag, Leipzig.