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… eine andere Welt

Neokatechumenales Priesterseminar Berlin

Einblicke in eine andere Welt

Die Gemeinschaft des Neokatechumenalen Weges bildet ihre Priester in eigenen Seminaren aus. Über 100 gibt es weltweit, eines davon in Berlin-Biesdorf. Maximilian Hofmann bereitet sich dort auf den Priesterberuf vor.

Ein- und Zweifamilienhäuser mit großen Gärten reihen sich aneinander. In Biesdorf und den beiden benachbarten Berliner Ortsteilen Kaulsdorf und Mahlsdorf befindet sich Deutschlands größtes zusammenhängendes Gebiet mit derartigen Wohngebäuden. Mittendrin ein Haus, das aus dem Rahmen fällt. „Priesterseminar Redemptoris Mater des Erzbistums Berlin“ steht auf der großen goldfarbenen Tafel am Eingang. Junge Männer aus aller Welt bereiten sich hier auf den Priesterberuf vor. Einmal im Jahr gibt es einen „Tag der offenen Tür“.
Junge Männer im weißen oder im Kollarhemd stehen am Eingang und begrüßen die Besucher – auf Deutsch, auch wenn das die Muttersprache der Wenigsten ist. Es riecht nach Bratwurst und Steak, Kaffee und Kuchen. Rund 400 Besucher werden an diesem Sonntag die Einladung zum Besuch annehmen. Sie unterhalten sich, genießen die Speisen, für die Jüngsten gibt es Spiele und mehrmals werden Führungen durch das Gebäude angeboten.

Den Grundstein legte Kardinal Sterzinsky
Einer von denen, die hier die Ausbildung zum Priester absolvieren, ist Maximilian Hofmann. Der 27-Jährige aus der Nähe von Freising in Bayern hat drei der vier Ausbildungsabschnitte hinter sich. Wie alle anderen Seminaristen gehört er zur Gemeinschaft des Neokatechumenalen Weges. Der Neokatechumenale Weg bildet Priester vor allem für die Neuevangelisierung in besonderen diözesanen Seminaren aus. Deshalb gibt es im Erzbistum Berlin neben dem Erzbischöflichen Priesterseminar St. Petrus das Priesterseminar Redemptoris Mater. Diesen Namen tragen alle Seminare der Gemeinschaft weltweit, von denen es 117 gibt.
„Der Neokatechumenale Weg wird in einem Bistum aktiv auf Wunsch des Ortsbischofs. Das gilt auch für die Einrichtung eines Seminars“, erklärt Max Hofmann. Es war Kardinal Georg Sterzinsky, der nach dem Ende der DDR den Grundstein für das neokatechumenale Seminar legte – wegen der zurückgehenden Zahl an Priesterberufungen aus dem Bistum und auch auf Wunsch von Papst Johannes Paul II., der ein Förderer der neuen geistlichen Bewegungen war, denen er für die von ihm angestoßene Neuevangelisierung eine wichtige Rolle einräumte. <Weiterlesen>

Stichwort: Neokatechumenaler Weg
Der Neokatechumenale Weg wurde 1964 in Madrid gegründet. Er gehört zu den sogenannten neuen Geistlichen Gemeinschaften und will getaufte Christen langfristig auf ihrem Glaubensweg begleiten. Dies versuchen die Mitglieder durch geistliche Übungen sowie durch die Bildung von Gruppen, die über längere Zeit bestehen und in denen die Mitglieder ihre Spiritualität leben.
Die Bewegung besteht nach eigenen Angaben in 124 Nationen mit rund 25 000 Gemeinschaften in knapp 1500 Bistümern. In den Neokatechumenalen Priesterseminaren bereiten sich rund 2100 Seminaristen auf das Priestertum vor. In Deutschland gibt es 75 Gemeinschaften in 15 Diözesen und 37 Pfarreien sowie zwei Priesterseminare. Der Vatikan hatte 2008 die Statuten der Gemeinschaft anerkannt.
Der Neokatechumenale Weg wird teilweise auch innerhalb der katholischen Kirche kritisch gesehen. Beklagt werden zum Beispiel ein autoritärer Führungsstil, eine Abschottung nach außen und der Umgang mit ehemaligen Mitgliedern. Auch gebe es Schwierigkeiten bei der Integration der Gemeinschaft in das jeweilige Gemeindeleben.  (kna/tdh)

Von Matthias Holluba

Quelle und Link: www.tag-des-herrn.de

Titelbild: Maximilian Hofmann in der Kapelle des Priesterseminars Redemptoris Mater in Berlin. Hier feiert die Seminargemeinschaft Eucharistie. | Fotos: Matthias Holluba

Konfliktfall Organspende

Thema der Woche im Tag des Herrn Nummer 21 | 28. Mai 2017

Quelle: Tag des Herrn
mit freundlicher Genehmigung der Autorin Susanne Haverkamp
Link zur Homepage: www.Tag-des-Herrn.de

Konfliktfall Organspende

„Ein neues Herz muss man gut behandeln“

Christin Seedorf hat die glückliche Seite der Organspende erlebt: Sie lebt seit einem halben Jahr dank eines neuen Herzens. Lange hätte ihr eigenes nicht mehr durchgehalten.

Von SuSanne HaVerkamp

Christin Seedorf (53) klingt am Telefon gesund und munter. Jetzt. Vor einem Jahr sah das ganz anders aus. „Letzten Mai fuhr ich ins Transplantationszentrum nach Bad Oeynhausen, weil es mir so schlecht ging“, erzählt sie. „Die haben mich gleich da behalten. Noch nicht einmal ein paar Sachen von Zuhause holen, durfte ich.“ Und Christin Seedorf wurde hochgestuft in der Dringlichkeitsliste: Ihr Herz pfiff aus dem letzten Loch.
Angefangen hat alles vor neun Jahren mit einer Herzmuskelentzündung nach einer verschleppten Grippe. Doch was bei anderen wieder ausheilt, wurde bei Christin Seedorf immer schlimmer. Auch ein eingebauter Defibrillator half nichts. „Seit zwei Jahren wusste ich: Um zu überleben, brauche ich ein neues Herz.“ Erschreckt hat sie diese Vorstellung nicht. „Als ich ungefähr zwölf war, gab es einen Fall im Freundeskreis. Da haben meine Eltern mir und meinen Geschwistern gesagt, dass sie unsere Organe freigeben würden, wenn uns etwas passiert“, erzählt sie. „Wir fanden das schon damals gut und richtig.“ Seitdem war das Thema für Christin Seedorf durch. Sowohl was die Spende, als auch was den Empfang eines Organs betrifft.

Das unendliche Glück, selbständig zur Toilette gehen zu können

Und jetzt war es so weit. „Ich war auf alles vorbereitet“, sagt sie – auch auf den Tod. „Ich habe mir gesagt, entweder du kommst mit den Füßen voran oder auf eigenen Füßen hier raus. Ich habe beides akzeptiert.“ Ein halbes Jahr lag sie in der Klinik, zu schwach, zur Toilette zu gehen oder ein bisschen Muskeltraining zu betreiben. Dann kam die Nachricht: Wir haben ein Herz! „Ich habe die ganze Zeit nicht geweint“, sagt sie. „Aber in dem Moment flossen die Tränen.“ Und später noch öfter. „Als ich zum ersten Mal auf der Toilette saß. Als meine Tochter mich im Rollstuhl in den Garten geschoben hat und ich frische Luft schnappen konnte.“ Sie wertschätze das Leben und die kleinen Dinge jetzt viel mehr, ergänzt sie.
Sechs Monate lebt sie nun mit dem fremden Herzen. Obwohl: „Es ist nicht fremd, es ist meins“. An den Spender denkt sie immer wieder mal. „Am Anfang wollte ich wissen, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Aber meine Ärztin hat mir klar gemacht, dass es besser ist, nichts zu wissen.“ In den USA gäbe es dagegen sogar „Organpartys“. „Da treffen sich Angehörige des Spenders mit den verschiedenen Empfängern – das finde ich gruselig.“ Für beide Seiten, denn was ist, wenn der Spender oder der Empfänger zum Beispiel ein richtig böser Mensch ist? Das wäre für alle schwierig. „Ich habe das Herz einfach als Geschenk angenommen“, sagt Christin Seedorf. Das neue starke Herz, das in ihrem noch immer recht schwachen Körper schlägt.
Es ist ein Geschenk, das sie „gut behandeln“ will. Denn dass es gefährdet ist, weiß sie sehr genau. „Ich darf nicht im Garten arbeiten und keine Topfblumen im Zimmer haben, Blumenerde hat sehr viele Keime und ist supergefährlich“, nennt sie als Beispiel. Wenn sie doch ein bisschen Unkraut zupft, dann nur mit Ganzkörperanzug und Mundschutz. „Man hat ja schließlich Verantwortung für so ein gespendetes Herz“. Sie kennt Mitpatienten, die nach der Transplantation gestorben sind, weil die Abstoßungsreaktionen zu groß waren. „Das erste Jahr ist besonders schwierig, danach wird es besser.“ Perfekt wird es nie.
Kann Christin Seedorf als Empfängerin verstehen, dass sich Menschen schwer tun mit dem Gedanken, ihre Organe oder die von Angehörigen zu spenden? „Nein, das verstehe ich oft nicht “, bekennt sie. „In Deutschland geht man sehr sorgfältig damit um, zum Beispiel mit der Feststellung des Hirntods. Und wer hirntot ist, braucht die Organe einfach nicht mehr.“ Zudem habe ihr Spender oder ihre Spenderin es ja so gewollt, wollte im eigenen Tod fremdes Leben retten. „Ich denke, irgendwie haben wir beide etwas davon. Ich rede oft mit meinem neuen Herzen und manchmal sage ich: Wir beide, du und ich, wir starten jetzt gemeinsam durch.“

ZUR SACHE
Ein Akt der Liebe: Was die Kirche zur Organspende sagt

Jedes Jahr am ersten Samstag im Juni ist der Tag der Organspende, der besonders daran erinnert, dass es viel mehr Menschen gibt, die auf ein neues Organ warten, als solche, die es spenden wollen. Die christlichen Kirchen haben sich dazu schon lange positioniert: Organspende ist nicht Christenpflicht, aber ein letzter Akt der Nächstenliebe.

„Aus christlicher Sicht ist die Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod ein Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit Kranken und Behinderten“, so hieß es 1990 in der gemeinsamen „Erklärung zur Organtransplantation“ der katholischen und evangelischen Kirche. Papst Benedikt XVI. sagte 2008: „Der Akt der Liebe, der durch das Spenden der eigenen lebenswichtigen Organe ausgedrückt wird, bleibt ein Zeugnis der Nächstenliebe“. Seit den 1970er Jahren war er Besitzer eines gültigen Organspendeausweises. Nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2012 und den Skandalen um die Vergabe von Organen, gab die Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz 2015 eine aktualisierte Handreichung „Hirntod und Organspende“ heraus. Wichtige Aussagen sind:

1. Die Organspende ist ein freiwilliger Akt, der weder erzwungen noch auch nur im strengen Sinne erwartet werden kann. Es besteht weder eine rechtliche noch eine moralische Pflicht zur Organspende.

2. Besser als das geltende Recht wäre eine „enge Zustimmungslösung“ in Form einer schriftlichen Willensbestimmung des Spenders.

3. Niemand darf zur Zustimmung gedrängt oder unter moralischen Druck gesetzt werden. Organspende kann für Christen eine Form der Nächstenliebe sein, aber sie ist keine Christenpflicht. Jeder kann sich dafür oder dagegen entscheiden, ohne dass ihm ein schlechtes Gewissen gemacht wird.

4. Angehörige müssen umfangreich informiert werden über die Konsequenzen ihrer Entscheidung. Dazu gehören das medizinische Verfahren im OP wie auch darüber, „jenen Zeitpunkt nicht miterleben zu können, in dem der Organismus des Hirntoten auch vom äußeren Erscheinungsbild her dadurch in den Zustand des Leichnams übergeht, dass die Atmung endet, das Herz aufhört zu schlagen und der Körper kalt wird.“ Die
Hinterbliebenen verabschieden sich in ihrer unmittelbaren Wahrnehmung von einem Lebenden „und erhalten nach dem chirurgischen Eingriff eine leblose und in ihrer körperlichen Integrität beeinträchtigte Leiche zurück.“

5. Der Auferstehungsglaube spricht nicht gegen Organspende. „Nicht an der Unversehrtheit des Leichnams hängt die Erwartung der Auferstehung der Toten und des ewigen Lebens, sondern der Glaube vertraut darauf, dass der gnädige Gott aus dem Tod zum Leben auferweckt.“ Andererseits dürfe nicht der Eindruck entstehen, „dass es sich bei Geweben und Organen des Verstorbenen um frei verfügbare Ressourcen handelt, auf die Dritte unbeschränkt zugreifen dürfen“.

Kritiker aus den Kirchen richten sich in erster Linie gegen das Hirntodkriterium, das Bild des Menschen als „Ressource“, den möglichen Missbrauch in der Feststellung des Hirntods wie der Vergabe von Organen und gegen den moralischen Druck, der in der Praxis eben doch auf Menschen ausgeübt wird, die in einer Schocksituation eine schwere Entscheidung zu treffen haben. (kamp)

„Unser Schockzustand wurde schamlos ausgenutzt“

Gisela Meier zu Biesen hat die tragische Seite der Organspende erlebt: Ihr 15-jähriger Sohn wurde nach einem Skiunfall für hirntot erklärt – und die Eltern fühlten sich genötigt, Organe freizugeben. Eine falsche Entscheidung, sagt die Mutter heute.

Von SuSanne HaVerkamp

Lorenz war 15 Jahre alt, als er im Skiurlaub stürzte und bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Keine 24 Stunden später teilte der Chefarzt der Intensivmedizin der Mutter mit, ihr Sohn sei tot. „Im Stehen auf dem Gang“, sagt Gisela Meier zu Biesen. „Mein Mann war gerade kurz weg. Und wir sollten uns überlegen, ob wir Organe spenden könnten. Gebraucht würden Herz, Leber, Nieren, Augen und anderes. Damit ließ er mich stehen und verschwand.“ Die Eltern standen unter Schock. „Das ist die schlimmste Nachricht des Lebens, da bricht man psychisch zusammen“, sagt Gisela Meier. „Und im Schock ist ein Mensch handlungsunfähig und zu schützen.“ Doch die Eltern schützte niemand und auch den schwerstverletzten Jungen nicht. „Die Ärzte verlangten eine schnelle Entscheidung; die Situation und unsere Schwäche wurden schamlos ausgenutzt.“ Denn nun ging es nicht mehr um die Frage „Was braucht Lorenz?“, sondern: „Was kann Lorenz liefern?“ „Zwei Jahre zuvor ist mein Bruder gestorben“, erzählt Gisela Meier. „Wir haben ihn bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus begleitet. Das sind die Dinge, die später trösten.“ Lorenz tat seinen letzten Atemzug allein im OP. „Wir haben uns aus seinem Sterbezimmer wegmanipulieren lassen.“ Aus seinem Sterbezimmer, sagt sie. Denn dass Lorenz an seinen Kopfverletzungen sterben würde, das glaubten die Eltern den Ärzten. Nicht aber, dass er schon tot sein sollte. „Er lag völlig unverändert da, das Herz schlug, die Urinflasche musste gewechselt werden, die Hände waren warm.“ Und doch ließen sie sich überreden, einer Entnahme der Nieren zuzustimmen. „Wir waren uninformiert und völlig am Ende. In diesem Zustand gaben wir eine Einwilligung, deren Folgen wir gar nicht absehen konnten.“ Unterschwellige Schuldgefühle sorgen für die Zustimmung Ausschlaggebend waren, sagt sie im Rückblick, die Schuldgefühle. „Uns wurde unterschwellig vermittelt, dass wir Schuld sind am Tod eines Menschen, wenn wir jetzt nicht einwilligen. Wir wären dann diejenigen, die den anderen das Leben nicht gönnen. Dabei könne man ‚Gutes viel besser im Leben tun, im Sterben geht es um einen selbst.‘“ Die Tatsache, ihren Sohn im Sterben im Stich gelassen und ihn einer barbarischen Operation ausgeliefert zu haben, hat die Trauer sehr erschwert. „Erst später habe ich erkannt, dass ich ihn nicht im Stich gelassen habe, sondern, dass wir schlicht in unserem schwächsten Moment missbraucht wurden.“ Und das sei heute nicht viel anders als damals 1991. „Die Gespräche mit Angehörigen sind auch heute nicht ergebnisoffen“, sagt sie. „Es soll zur Organspende hin beraten werden.“ Das wisse sie aus Schulungen von sogenannten Koordinatoren und Äußerungen von Ärzten. Es sind aber nicht nur der Druck, der Angehörigen gemacht wird, das „schlechte Gewissen“, am möglichen Tod Schwerkranker schuld zu sein und die Ungewissheit, ob bei der Feststellung des Hirntods auch alles mit rechten Dingen zuging, da es „kaum Kontrolle“ gebe. Die Kritik von Gisela Meier zu Biesen ist noch grundsätzlicher. „Kann man den Tod umdefinieren, um ungestraft von einem ‚Toten‘ lebende Organe zu entnehmen? Kann man Leid abwägen, um das des einen für den anderen zu benutzen? Ist Sterben nicht mit Ehrfurcht und Schutz zu begegnen? Ist der Mensch nur ein auf den Kopf reduziertes Wesen mit einem ‚Restkörper‘?“, fragt sie. Dass es gut ist, Leben zu retten, ist klar. „Aber man darf nicht jeden heiligen Zweck mit unheiligen Mitteln erreichen“, zitiert sie Martin Buber. Und wenn es schon Organspende gibt, sagt Gisela Meier zu Biesen, dann nur mit einer „engen Zustimmungslösung“, also mit der schriftlich dokumentierten Entscheidung des Einzelnen – und nicht aufgrund eines „mutmaßlichen Willens“, wie er im Transplantationsgesetz in der „erweiterten Zustimmungslösung“ verankert ist. „Es gibt keine Pflicht, sich überhaupt mit dem Thema zu befassen“, sagt sie. „Jede Nichtäußerung sollte – wie in anderen Bereichen des Lebens auch – ‚Nein’ bedeuten!“

MEINUNG

Helfen Sie Ihrer Familie!

Susanne Haverkamp Redakteurin Bistumspresse

Zur Organspende gibt es viele Meinungen, aber einig dürfte man sich wohl darin sein: Hoffentlich komme ich niemals in die Situation, für andere entscheiden zu müssen! Denn wenn ein geliebter Mensch so schwer verletzt ist, dass jede Hoffnung auf ein Weiterleben schwindet, dann hat man mit Trauer, Verzweiflung, Not und Elend so viel zu tun, dass man die Frage nach einer möglichen Organspende sicher nicht gut durchdacht beantworten kann. Man kann auch geteilter Meinung darüber sein, ob die gesetzliche Vorschrift einer „erweiterten Zustimmungslösung“ und die zweijährliche Werbung der Krankenkassen um Organspender, der man, ob man will oder nicht, ausgesetzt wird, richtig ist. Aber so lange die Gesetzeslage so ist, wie sie ist, muss man sich mit ihr auseinandersetzen. Und das heißt: Eine Entscheidung treffen für den Fall der Fälle.
Das gilt für sich selbst. Deshalb: Gründlich informieren und dann den Organspendeausweis ausfüllen, egal, ob Sie Ihr Kreuz bei „Ja“, bei „Ja mit Einschränkung“ oder bei „Nein“ machen. Und ein zusätzliches Gespräch mit Ihren nächsten Angehörigen kann nicht schaden. Dann steht im Falle eines Falles keiner hilflos und ratlos daneben. Genauso gilt: Reden Sie mit älteren Kindern, wie die dazu stehen. Ab 16 sollen Jugendliche laut Gesetz ohnehin selbst entscheiden, aber auch 14-Jährige haben eine Meinung. Keiner denkt gern darüber nach, aber oft sind es Jugendliche und junge Erwachsene, die für eine Organspende in Frage kommen. Und Elternzwist am Sterbebett macht die Katastrophe nur noch größer. Wie Ihre Entscheidung ausfällt, sollte niemand bewerten. Ob die Vernunft Ausschlag gibt, das Bauchgefühl, der religiöse Glaube oder die Angst vor Missbrauch: jede Entscheidung hat ihr Recht. Nur keine Entscheidung zu treffen – das könnte Ihre Familie hart treffen.

ZUR SACHE

Tot, hirntot, ganz tot

Organe dürfen entnommen werden, weil der Spender tot ist, sagen die einen. Organe dürfen nicht entnommen werden, weil der Patient zwar hirntot, aber keineswegs ganz tot ist, sagen die anderen. Eine schwierige medizinische Debatte mit sehr existentiellen Auswirkungen.

Der Hirntod gilt juristisch als der Zeitpunkt, ab dem die Entnahme von Organen gestattet ist. Medizinisch ist er definiert als die „irreversibel erloschene Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“. Damit ist es nicht mehr möglich, aus sich selbst heraus den Körper am Leben zu erhalten, weil etwa auch der Atemreflex erloschen ist. „Irreversibel“ bedeutet: Es wird sich nichts mehr ändern. Das Gehirn ist tot. Der Hirntod wird durch mehrmalige Untersuchungen von zwei unabhängigen Ärzten/ Neurologen festgestellt. Der Abschluss der letzten Untersuchung wird als Todeszeitpunkt dokumentiert, auch wenn es keinen erkennbaren Unterschied zum Zustand vor oder nach einigen Stunden gibt. Denn durch Beatmung und andere medizinische Hilfen wird die Herz- und Kreislauffunktion künstlich aufrechterhalten. Puls und Atem sind zu spüren, ihr Herz schlägt; die Patienten sind warm, können schwitzen, ausscheiden, verdauen; schwangere Frauen konnten ein Kind über mehrere Wochen bis zur Geburt „austragen“. Wenn der Hirntod festgestellt ist, gibt es zwei Möglichkeiten. Wenn die maschinelle Unterstützung abgestellt wird, erlöschen Atmung, Herzschlag, Stoffwechsel; der Körper erkaltet, die Leichenstarre setzt ein: der gesamte Mensch ist tot. Dann aber sind die Organe nicht mehr transplantationsfähig; zur Transplantation entnommen werden nur lebende Organe. Deshalb wird bei Organspendern der Kreislauf so lange künstlich aufrecht erhalten, bis in einer aufwändigen Operation die freigegebenen Organe und/oder Gewebe entnommen werden. Der Körper des Spenders verliert seine Funktion erst auf dem OP-Tisch, auch wenn das Gehirn schon länger tot ist.
Befürworter – auch aus den Kirchen – sagen, dass der Hirntod nach jetzigem Stand der Wissenschaft das beste und sicherste Kriterium für die Feststellung des Todes darstelle. Kritiker weisen darauf hin, dass der Hirntod zwar eine wesentliche Stufe auf dem Weg zum Tod sei, aber eben nur eine Stufe. „Ganz tot“ sei der Mensch erst, wenn auch seine Körperfunktionen erloschen seien. So betont der Kardiologe Paolo Bavastro aus Stuttgart, es handele sich bei „Menschen im Hirnversagen um schwerstkranke, sterbende Menschen, aber noch keine Toten … Sonst könnten wir auch keine lebensfähigen Organe aus einem toten Menschen entnehmen. Wir brauchen lebendige Organe aus einem noch lebenden Organismus.“ Weitere Unsicherheiten haben außerdem Forschungen aus den USA gebracht, die auch bei hirntoten Patienten Funktionen wie Wärmeregulierung oder sogar Schmerzempfinden feststellen konnten. Die Frage: „Wie tot ist hirntot?“, kann deshalb kaum sicher beantwortet werden. Fest steht wohl: Ein hirntoter Mensch hat eine unumkehrbare Stufe des Sterbens erreicht. Jeder Mensch hat das Recht, friedlich und begleitet von anderen „zu Ende zu sterben“. Er darf aber auf dieses Recht freiwillig verzichten, um mit den eigenen Organen anderen schwerstkranken Menschen das Leben zu ermöglichen. (kamp)

Quelle: Tag des Herrn
mit freundlicher Genehmigung der Autorin Susanne Haverkamp
Link zur Homepage: www.Tag-des-Herrn.de

… ehrwürdige Hände

Anfrage an den Tag des Herrn vom 08.05.2017

„Heilige und ehrwürdige Hände“

Schon lange wollte ich gerne wissen, warum der Priester bei der Wandlung nicht mehr die Worte spricht: „Da nahm er das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände.“ Ich finde das schade. H. B., 52249 Eschweiler


Dass Priester das gar nicht mehr sagen, stimmt nicht. Sie sagen diese Wendung aber nur, wenn sie das erste Hochgebet verwenden. Denn nur im ersten Hochgebet der Eucharistiefeier heißt es im sogenannten Einsetzungsbericht: „… nahm er das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände …“ Im römischen Messbuch von 1970 gibt es aber vier Hochgebete. Deren Einsetzungsberichte – wenn gesagt wird, was Jesus beim Letzten Abendmahl tat und sagte – lauten unterschiedlich.

1. Hochgebet – dieses Gebet orientiert sich weitgehend am einzigen Hochgebet der früheren tridentinischen Messe: „Am Abend vor seinem Leiden nahm er das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände, erhob die Augen zum Himmel, zu dir, seinem Vater, dem allmächtigen Gott, sagte dir Lob und Dank, brach das Brot, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“

2. Hochgebet: „Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet …“ (Gotteslob 588). Dieses ist das meistverwendete Hochgebet.

3. Hochgebet: „Denn in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: …“

4. Hochgebet: „Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung. Und als die Stunde kam, da er von dir verherrlicht werden sollte, nahm er beim Mahl das Brot und sagte Dank, brach das Brot, reichte es seinen Jüngern und sprach …“

Welches der vier Hochgebete er auswählt, ist jedem Priester selbst überlassen. Und auch ohne, dass es dazu Statistiken gibt, wird man sagen können: Das traditionelle und sprachlich besonders feierliche erste Hochgebet dürfte am seltensten gewählt werden.

Von Roland Juchem

Quelle: www.tag-des-herrn.de