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Ost-West-Unterschiede

Meinung von Matthias Holluba

Katholiken zweiter Klasse

Wenn in diesen Tagen die Rede von ostdeutschen Befindlichkeiten ist, hört man öfter den Satz: Die Ostdeutschen fühlten sich als Bürger zweiter Klasse.

Fast 30 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es noch immer zu viele Ost-West-Unterschiede, bei denen der Osten schlechter abschneidet. Damit sind nicht zu allererst finanzielle Unterschiede gemeint. Noch immer sind viele Führungspositionen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft mit Westdeutschen besetzt. Eine ostdeutsche Bundeskanzlerin gleicht das nicht aus.

Auch in der Kirche ist es nicht besser: Von den knapp 70 Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz haben lediglich drei eine ostdeutsche Biografie (Feige, Ipolt, Hauke). Bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sieht es übrigens noch schlechter aus:
Der neue Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, ist der einzige Ostdeutsche.
Mag ja sein, dass die ostdeutschen Kirchen keine Menschen mit Führungsqualitäten haben … >weiterlesen

Quelle und Link: www.Tag-des-Herrn.de

Priester ehelos?

Müssen katholische Priester ehelos leben? Das wird gerade sehr kontrovers diskutiert. Der Priester und Kirchengeschichtler Hubert Wolf hat dazu in seinem neuen Buch eine feste Meinung – und untermauert seine Thesen historisch.

Titelbild: Hubert Wolf ist ein renommierter Kirchenhistoriker und lehrt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Foto: kna/Andreas Kühlken

Beitrag aus dem „Tag des Herrn“ vom 21.7.2019 von Susanne Haverkamp

Nicht mehr stichhaltig

Er kann es einfach. Hubert Wolf kann so schreiben, dass es wissenschaftlich präzise ist und zugleich gut lesbar und verständlich für jeden, der sich auf die Thematik einlässt. Populärwissenschaftlich nennt man das, was anderen oft
missrät: entweder zu populär oder zu wissenschaftlich. Aber
Hubert Wolf kann es einfach.
In seinem frisch erschienenen Buch hat sich der Münsteraner Professor für Kirchengeschichte den priesterlichen Pflichtzölibat vorgenommen. In 16 Thesen legt er die Geschichte dieses Ideals vor und zieht seine Schlussfolgerungen daraus.
Im Prinzip schreibt Wolf wenig Neues. Dass etwa im Neuen
Testament Amtsträger verheiratet waren, ist kein Geheimnis. Im
1. Timotheusbrief (3,3–5) heißt es, wer Bischof werden will, dürfe
„nur einmal verheiratet sein“ und müsse „seine Kinder in Gehorsam und allem Anstand erziehen. Wenn einer seinem eigenen Haus
nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?“.
Dass es dennoch früh ein Zölibatsideal gab, sieht Wolf vor allem
durch die antike Vorstellung von kultischer Reinheit begründet. „Wer den heiligen Leib Christi und den Kelch mit seinem kostbaren
Blut anfasst, der kann dies nur wie Christus im Abendmahlssaal
mit heiligen und ehrwürdigen Händen tun“, schreibt Wolf. Und
als Hauptquelle der Unreinheit werde die Sexualität angesehen
– obwohl für Jesus Reinheit keine äußerliche Frage, sondern „eine
Frage der Herzensgesinnung“ gewesen sei.

Die früheren Gründe überzeugen nicht mehr

Ausführlich geht Wolf auf die ökonomischen Gründe für die
Einführung des Pflichtzölibats für Weltpriester ein: Sie sollten
die Pfründe, die sie als Pfarrer zum Lebensunterhalt hatten,
nicht an Kinder vererben. Durch „Priesterkinder als reiche Erben“
sei die Kirche zunehmend verarmt, klagte Papst Benedikt VIII.
1022 auf der Synode von Pavia. Mochte damals stimmen, aber,
so Wolf: „Die zentrale Besoldung der Pfarrer aus der Kirchensteuer
in Deutschland und die Tatsache, dass heutzutage die meisten Pfarreien über gar keine Pfründe mehr verfügen, machen diese
einstmals zentrale Begründung schlicht obsolet.“

Wolf beschreibt, wie der Pflichtzölibat lange eher Theorie
als Praxis war. Erst nach der Reformation, im Zeitalter der Konfessionalisierung, sei er eingeschärft worden, weil er zum Unterscheidungskriterium wurde.
Dass die genannten Gründe theologisch nicht (mehr) stichhaltig sind, das wüssten auch die Päpste, sagt Wolf. Um ihn in den diskussionsfreudigen Zeiten rund um das Zweite Vatikanische Konzil dennoch zu halten, habe
Papst Paul VI. ihn „spirituell überhöht“. Einswerden mit Christus, sich ganz der Mutter Kirche weihen und Zeichen sein für das kommende Reich Gottes – das
seien die drei geistlichen Gründe, die er ins Feld führt und die seitdem oft wiederholt werden.

Verheiratete Priester
gibt es jetzt schon

Hubert Wolf lässt dagegen keinen Zweifel daran, dass er sich eine katholische Kirche mit verheirateten Priestern gut vorstellen kann. Und weist darauf hin, dass es sie auch schon gibt: konvertierte evangelische, altkatholische und anglikanische Pfarrer
zum Beispiel oder ausgeliehene Priester aus den unierten Ostkirchen. „Und nirgendwo gibt es Beschwerden der Gemeinden“, sagt er. Im Gegenteil: viele freuten sich über einen Seelsorger, der den Familienalltag kennt.
Wolf geht mit dem Blick des Historikers an das Thema heran.
Erst in den abschließenden Kapiteln nimmt er kurz andere Fragen
in den Blick: den Einfluss des Zölibats auf die Missbrauchsfälle, die
Güterabwägung zwischen „der heilsnotwendigen Eucharistie
und dem nicht heilsnotwendigen Zölibat“, die Machtfrage.
Fest steht: Wer in Zukunft sachlich über den Zölibat diskutieren
möchte, kommt an diesem Buch kaum vorbei.

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Susanne Haverkamp.

Beitrag aus dem „Tag des Herrn“ vom 21.7.2019 von Susanne Haverkamp

„Ob es Gott gibt …

… werde ich wissen, wenn ich am Ende meines Lebens bin“, sagt Pfarrer Thomas Frings. | Foto: Henning M. Schoon

Beitrag im „Tag des Herrn “ vom 24. März 2019 von Andreas Lesch.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung  des Autors.

Der Gottsucher

In seinem Buch „Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein“ hat Thomas Frings die Kirche kritisiert. Sein neues Buch ist persönlicher. Frings schreibt von seinem Glauben und seinen Zweifeln. Mutig, offen, lesenswert.

 

 

Sie schreiben: „Gott funktioniert nicht.“ Wie meinen Sie das?

Ich meine damit, dass Gott mir keine Garantien gibt. Wenn ich an Gott glaube, dann klappt nicht unbedingt alles in meinem Leben so zuverlässig, wie ich es mir manchmal wünschen würde. Gott ist auch kein Versicherungsagent, bei dem ich jahrelang eingezahlt habe und dann, in der Not, meinen Einsatz wieder herausbekomme. Auch mit Gott bleiben Ungereimtheiten.

Viele Menschen glauben aber, dass Gott in ihr Leben eingegriffen hat – etwa wenn sie von einer Krankheit geheilt worden sind. Warum halten Sie dieses Gottesbild für problematisch?

Natürlich darf jeder Mensch etwas, das ihm widerfahren ist, mit Gott in Verbindung bringen. Für falsch halte ich es aber, diese Verbindung für allgemeingültig zu erklären. Denn wenn Gott einen gläubigen Menschen von seiner Krankheit geheilt hat, was heißt das dann in all den Fällen, in denen ein Mensch trotz aller Gebete nicht gesund geworden ist? Hat Gott da nicht funktioniert? Diese Frage zeigt: Wer glaubt, dass Gott ganz konkret eingreift, der muss auch erklären können, warum er es so oft nicht tut, und darf sich nicht hinter dem Satz verstecken, dass das ein Geheimnis Gottes ist.

Gott ist für Sie also keiner, der im Alltag immer dann da ist, wenn man ihn gerade braucht?

Nein. Ich darf Gott nicht zum Lückenbüßer für die Lücke machen, die ich selber gerade nicht füllen kann. Und ich darf nicht sagen: Wenn er diese Lücke nicht füllt, dann hat er nicht funktioniert. Solange ich nicht in eine dauerhafte Beziehung mit Gott trete, werde ich mit Gott nicht zufrieden sein können.

Wie sollte diese Beziehung aussehen?

In meinem Buch erwähne ich die Don-Camillo-Filme, die mich in meiner Kindheit geprägt haben. Der Pfarrer Don Camillo hat eine wirklich intensive Beziehung mit diesem Gott. Er redet mit ihm, er diskutiert mit ihm. Er nimmt ihn ernst. Natürlich ist das auch mal mühselig. Aber so ist Gott eine reale Größe für ihn, in seinem Leben. So wird seine Beziehung zu Gott tragfähig.

Warum glauben Sie an Gott?

Weil ich bedürftig bin: erlösungsbedürftig, barmherzigkeitsbedürftig, liebesbedürftig.

Das müssen Sie erklären.

Erlösungsbedürftig bin ich, weil ich sterblich bin, wie alles auf dieser Welt. Mich lässt die Hoffnung glauben, dass das Leben hier mehr ist als Zufall. Dass es einen Gott gibt, der dahintersteht. Barmherzigkeitsbedürftig bin ich, weil ich Fehler mache, wie jeder Mensch, und manch ein Fehler lässt sich nicht wieder beheben. Ich hoffe auf einen Gott, der das heilt, was ich oder andere unheilbar kaputtgemacht haben. Und liebesbedürftig bin ich vom ersten bis zum letzten Moment meines Lebens. Kein Mensch kann aber so vollkommen lieben wie Gott. Kein Mensch kann die Liebe geben, die ein Mensch wirklich braucht.

Nun könnte ein Atheist sagen, Sie in Ihrer Bedürftigkeit glauben nur, weil Sie sonst das ganze irdische Jammertal nicht mehr aushalten könnten.

Wer das sagt, der kennt mein Leben nicht. Mein Leben ist kein Jammertal.

Aber die Welt manchmal.

Ich muss diese Welt aber ja mit meinem Glauben genauso aushalten. Sie wird dadurch keinen Deut besser. Ich glaube, Gott ist auch nicht dazu da, dieses Jammertal hier besser zu machen. Dafür sind wir nun wirklich selbst zuständig.

Sie schreiben, dass Sie ein suchender, ein zweifelnder Gläubiger sind. Das macht bestimmt vielen Laien Mut, die auch mal zweifeln. Von einem Priester würden manche solche Zweifel aber nicht erwarten.

Das kann ich verstehen. Ich möchte von einem Arzt ja auch, dass er kompetent ist und sich nicht wie ein Patient verhält. Und ich möchte von einem Professor, dass er sein Fach beherrscht und nicht wie ein Student dasitzt. Beim Glauben ist das allerdings anders. Denn das Objekt meines Glaubens ist ein nichtbeweisbares. Deshalb bleibe ich immer ein Suchender.

Wie beeinflusst das Suchen und Zweifeln Ihren Glauben?

Es beeinflusst ihn nicht, es ist mein Glaube. Ein Bestandteil meines Glaubens. Ohne das Suchen und das Zweifeln wäre mein Glaube nicht mehr mein Glaube.

Wenn Sie zweifeln, halten Sie es dann für denkbar, dass unser Glaube doch nur Fiktion ist?

Ja. Denn ich lebe mit vielen Menschen zusammen, die das auch tun. Als die beiden großen Kirchen flächendeckend eine Volkskirche waren, gab’s ja viel weniger Glaubenszweifel. Heute wird mein Glaube durch meine Umwelt viel stärker infrage gestellt als früher – und das hat Einfluss auf meinen Glauben. Ich muss mir viel mehr bewusst machen, dass alles auch anders sein könnte, als wir es glauben.

Wie leben Sie mit diesem Gedanken?

Ich finde ihn spannend. Ob es Gott wirklich gibt, werde ich erst wissen, wenn ich am Ende meines Lebens bin. Aber dann will ich so gelebt haben, dass mein Leben auch dann gut war, wenn es keinen Gott gab. Mir bringt der Glaube einfach einen Mehrwert. Mein Leben hat durch meinen Glauben mehr Sinn, mehr Innerlichkeit, mehr Tiefe, mehr Hoffnung.

Das ist eine Menge.

Das will ich wohl meinen.

Interview: Andreas Lesch

 

ZUR PERSON

Thomas Frings wurde 1987 zum Priester geweiht. Er arbeitete als Pfarrer und hatte diverse weitere Aufgaben im Bistum Münster. 2016 gab er all seine Ämter auf und zog in ein Benediktinerkloster in den Niederlanden. 2017 kehrte er in den Dienst des Bistums Münster zurück. 2018 wechselte Frings als Pfarrvikar nach Köln.

 

Andreas Lesch ist Chef vom Dienst der Verlagsgruppe Bistumspresse in der Zentralredaktion.