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Auf dem Weg nach Padua

Pilgern macht reich – Gemeindemitglieder und Franz von Assisi auf Herbsttour 

Wie ein Freund und Ratgeber begleitet Franz von Assisi die Pilgergruppe der St. Antoniusgemeinde auf ihrer Herbsttour im Oktober 2014. Drei Tage stehen ihnen für die 70 Kilometer Roßbach bis Erfurt zur Verfügung. Sie rahmen sich rund um den Franziskustag am 4. Oktober. So bestimmt der bekannte Heilige mit seinen mittelalterlichen Schriften und Gebeten, die noch heute aktuell sind, ihre Pilgertage. Eine weitere Etappe auf den Weg nach Padua beginnt, bei der sie 2019 ihr endgültiges Ziel, das Grab des Heiligen Antonius erreichen wollen.

von Susanne Walter

 

„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobt der Name des Herrn…“, ertönt es fortlaufend auf einem schmalen Feldweg kurz hinter Ollendorf. Es ist 7:00 Uhr. Andächtig steht die Pilgergruppe mit Blick nach Osten und bestaunt die in sekundenschritten gleichförmig aufgehende Sonne. Es ist kalt und nass, aber die klare Luft verspricht wieder einen sonnigen Tag. Das letzte Ziel dieser Etappe liegt vor ihnen: der Erfurter Dom. Um 11:00 Uhr wird dort die Heilige Messe gefeiert. Eile ist geboten, um pünktlich anzukommen.

Vor drei Tagen sind sie in Roßbach bei Naumburg gestartet. Das Ende der Sommertour wird zum Anfang des weiteren Pilgerwegs. Der Pfarrer im St. Michaelshaus erinnert sich noch gut an die Gruppe. Aus eigenem Weinanbau öffnet er zwei Flaschen und spricht lange über Reben und die Kunst Wein zu keltern.

Es ist 8:00 Uhr, die Pilgergruppe trifft sich in der einfachen aus groben Steinen erbauten Kirche von Roßbach zur Frühmesse. Ab hier begleiten die kleinen Dorfkirchen die Pilgergruppe und bieten Raum zum Nachdenken und zum Gebet. Auch zur Kommunion reicht der Pfarrer Wein, der schwer und wohlschmeckend ist, ein letzter Gruß aus dem Weinanbaugebiet.

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Eckartsberga, Aufbruch

Die Pilgergruppe folgt der via regia. Mit einer Länge von 4500 Kilometern ist es die längste historische Straße zwischen Ost- und Westeuropa. Acht Länder verbindet sie miteinander und wurde deshalb 2005 vom Europarat zur europäischen Kulturstraße erklärt. Historisch war sie dem König zugeordnet und Reisende standen unter seinem besonderen Schutz. Händler und Militärs nutzten sie, aber auch Pilger, an deren Geschichte heute der ökumenische Pilgerweg zwischen Vacha und Görlitz anknüpft. Ein Zeichen für Tradition und Neuanfang.

„Leben mit Jesus hat Folgen, die alten Pläne und Ideen zählen nicht mehr ….“, ertönt es am Wegesrand. Es ist 11:00 Uhr, Zeit für den täglichen Pilgerimpuls. Sabine erzählt über das Leben des Franz von Assisi. Arm wollte er sein, aber reich an christlichen Werten und hat das väterliche Erbe ausgeschlagen. Sorgenlos war er und hat Gott vertraut, so wie es in der Bibel zu lesen ist: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt. …. Seht euch die Vögel des Himmels an, sie sähen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“ (Matthäus 6, 19-21, 25-36)

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Kerspleben, Impuls

Franz von Assisi lebte von 1181 bis 1226 in Italien und gründete den Orden der Minderen Brüder (Franziskaner). Er lebte nach dem Vorbild Jesu Christi und durch seine freiwillige Armut veränderte er die Welt.

„Ritsch, ratsch, ritsch, ratsch…“, im Gleichklang klingen die Schritte der Pilger im trockenen Laub. Günter mag diese herbstlichen Töne besonders. Als die Gruppe die nächste asphaltierte Straße erreicht, stimmt er den Rosenkranz an. Franz von Assisi wollte Frieden. Günter betet heute für den Weltfrieden. Es ist ungewöhnlich heiß für Oktober: Erntewetter. Die betende Pilgergruppe muss immer wieder den schweren Landwirtschaftsmaschinen ausweichen.

Es ist 12:00 Uhr. Die Pilgergruppe erreicht die Dorfkirche von Oberreißen, die auch Lyonel Feininger, einer der bedeutendsten Maler der klassischen Moderne kubisch verfremdet darstellte. Norbert zeichnet eine eigene Variante ins Pilgerbuch.

„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft…“, stimmt Gabi in der weiß getünchten Kirche das Gebet an. Die Kirche ist repräsentativ für alle Dorfkirchen auf dieser Strecke: Der Innenraum wirkt wie ein erweitertes Wohnzimmer. Ein bunt gemusterter Perserteppich, mit weißen Spitzen verzierte Tischdecken und künstliche Blumen zeugen von der Verbundenheit der Menschen mit ihrer Kirche. Die zweifach übereinandergestapelten Emporen längs des Raums verdeutlichen, dass einst viel Platz für Gläubige erforderlich war. Zwei Logen rechts und links vom Altar waren immer für besondere Gemeindemitglieder installiert. In den langen schmalen Kirchenschiffen wirken Altar mit Kanzel und Orgel an den Stirnseiten eingeengt, eine typische Saalkirche.

Die Dörfer sind stolz auf ihre Kirchen und halten die Tradition trotz rasanter Abnahme der Bevölkerung aufrecht. Das bestätigt auch der Küster, Rolf Röder in Lißdorf. Er spricht lange und im Dialekt der Gegend über Geschichte und Geschichten seiner Kirche. Der alte Mann macht am Ende sogar ein Photo von der Pilgergruppe, weil nur sehr selten 13 Personen sie gemeinsam besuchen. Spontan lässt er die Glocken läuten. Nach diesem Ereignis sind sich alle einig: pilgern macht reich, reich an Freude, die weiter gegeben werden kann, reich an Begegnungen, reich durch Gastfreundschaft. „Danket, danket dem Herrn…..“, klingt es zum Abschied.

„Kommen sie wieder“, ruft er den Pilgern atemlos nach.

Es ist 16:00 Uhr. Die Pilgerunterkunft in Eckartsberga ist erreicht. „Schlüssel im Briefkasten“, verrät der Zettel an der Tür wie ein stummer Bote. Ein Zeichen des Vertrauens. Im Pfarrhaus können die Pilger schlafen. Aus Nischen und Ecken werden Matratzen zusammengesucht und zwischen Sesseln, Sofa, Drucker und Akten verlegt. Gemeinde- und Pilgeralltag treffen empfindlich aufeinander. Jonas will lieber in der benachbarten Kirche schlafen. Dort ist es geräumig, aber feucht und kühl. Kurz vor ihrer Eröffnung brannte die Kirche ab und wurde 1930 neu errichtet. Daran erinnert ihr Interieur, das im Zeitgeist gestaltet, einem Kinosaal ähnelt. Nur der Altar ist mittelalterlich, der stammt aus einer anderen Kirche. Zum Schlafen entscheidet sich Jonas dann doch für die gemütliche Unordnung.

Kurz vor Erfurt, in Kerspleben haben Dorfbewohner Bänke mit einer Jakobsmuschel, dem internationalen Symbol der Pilger auf dem Jakobsweg, vor ihre Türen gestellt, ein eindeutiges Zeichen ihrer Gastfreundschaft und Verbundenheit mit den Pilgern. Auf dem alten Friedhof der Dorfkirche lädt Sabine zum letzten Mal für diese Etappe zum Pilgerimpuls ein. Aus Korkplatten darf sich jeder ein Kreuz schnitzen und alle halten es beim Friedensgebet des Franz von Assisi in den Händen. „Wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“ Mit dieser Gewissheit bricht die Gruppe wieder auf. „Geh mit uns, auf unserem Weg….“, tönen sie schon halb im Gehen.

Pünktlich zum Gottesdienst erreichen sie an diesem Sonntag, dem 5. Oktober 2014, den „Domberg“ in Erfurt. Auf einem Hügel angeordnet, teilt sich der Dom den Platz mit der Serverikirche in unmittelbarer Nachbarschaft, ein einzigartiges Ensemble.

Erfurt-Domtreppen
Erfurt, Domtreppen

Es ist 10:50 Uhr. Der Vorplatz, einst mittelalterlicher Marktplatz, ist verstellt mit Karussells und Geisterbahnen: Oktoberfest in Erfurt. Geschickt schlängelt sich die Gruppe durch die Vergnügungsmeile. Martin macht noch schnell ein Gruppenfoto auf der Treppe vor dem Dom für Pfarrer Matthias Patzelt, der einst die Pilgertour initiierte, und verschickt es per SMS.

Der Dom ist wohltuend voll und der Priester liest das Evangelium zu Weinbergen und Missernten als Symbol für die Christen und deren Glauben und Misstrauen. Da schließen sich Alltag und Symbolik mit dem Anfang der Pilgertour, die im Weinanbaugebiet an der Saale startete. Wie auch immer es im Evangelium an diesem Sonntag lautet, in diesen Herbsttagen hat die Pilgertour für die Gruppe reiche Frucht getragen. Ida und Volker als Organisatoren sind zufrieden: „Pilgern macht reich, ganz im Sinn des Franz von Assisi.“

Zum Abschied klopft Günter noch dreimal mit dem Pilgerstock auf den Boden: „Prozedamos (Lasst uns gehen in Frieden)“, er gibt damit auch den Auftakt für die nächste Etappe. 500 km sind bereits geschafft, ca. 930 km sind es noch bis Padua.

 

Zum Beten

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal dem Bruder Sonne; er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz, dein Sinnbild, o Höchster.Aus Sonnengesang, Franz von Assisi


Zum Schmunzeln:

In Erfurt stehen zwei Pilger vor einer Shell-Tankstelle. „Guck `mal“, sagt der eine zum anderen. „So große Pilgerzeichen haben die hier.“


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Organisation Pilgerreise St. Antonius Potsdam:
Volker Reinecke,
Tel.: 0331 – 581 28 18, E-Mail: volker@reinecke-familie.de
Nächste Pilgertour:
Fr. 15. Juli bis So. 26. Juli 2015: Erfurt – Bamberg (begrenzte Teilnehmerzahl)
Vortrag mit Fotos zu den beiden Pilgertouren
Sommer und Herbst 2014
So. 30. November im Pfarrsaal nach der Messe zum Gemeindekaffee

 

Fotos: Gebhard Meyer