Worte zum Tag, Di 14.1.

Die ewigen Wahrheiten der Religionen sind scheinbar immer gleich. Sie handeln davon, dass der Mensch geschaffen ist; dass er schuldig wird und darunter leidet; dass er über seine Sterblichkeit nachdenkt und sich nach einer Erlösung sehnt. So ungefähr könnte man die Hauptthemen des Glaubens in allen Religionen zusammenfassen. Doch wenngleich die religiösen Antworten auf die wichtigen Fragen des Menschen immer gleich geblieben sind, gibt es doch in der Frömmigkeitsgeschichte verschiedene Modethemen. Im Mittelalter ging es viel um Hölle und Fegefeuer, um die Angst vor Gottes Zorn und vor ewiger Verdammnis. Immerzu musste sich der Mensch vor einem unerbittlich gedachten Gott rechtfertigen.

Heute hat sich dieses Verhältnis geradezu umgekehrt. Gott muss sich heutzutage vor den Menschen für alles Schreckliche rechtfertigen. Er muss – wenn es ihn überhaupt geben soll – erklären, warum es Leid gibt, und wie er dazu kommt, den Menschen Lasten aufzuerlegen.

Nicht furchteinflößende Allmacht, sondern Barmherzigkeit heißt das neue Schlüsselwort für Gott. Auch in meiner, der katholischen Kirche, hat die Menschenfreundlichkeit Gottes ganz neu Einzug gehalten. Der barmherzige Samariter gehört zur Lieblingsfigur der Prediger auf den Kanzeln. Und das Gleichnis vom verlorenen Sohn und dem barmherzigen Vater, der den Sohn wieder aufnimmt, ist in der Wahrnehmung nach vorne gerückt.

Wir haben keine Angst mehr vor dem Jüngsten Gericht und vor ewiger Verdammnis. Dennoch erwarten wir, vielleicht unausdrücklich und im Stillen, dass wir – wenn wir unter die Räuber gefallen sind – auch einem barmherzigen Samariter begegnen, der sich zu uns herabbeugt, unsere Wunden verbindet und uns tröstet. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Barmherzigkeitsoffensive ist der Benediktinermönch Anselm Grün. „Zweifeln und Bitterkeit, das darf alles sein – aber wir dürfen nicht darin stecken bleiben.“, sagt der populäre Ordensmann. Denn „Gott straft nicht!“. Da ist er sich ganz sicher!

Heute feiert er seinen 75.Geburtstag. Glückwünsche von mir! Möge seine Botschaft vom barmherzigen Gott noch viele erreichen und segensreich wirken.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
rbb Antenne Brandenburg / Kulturradio / Radio Berlin 88.8
Worte auf den Weg / Worte in den Tag 13. – 18. Januar 2020
von Joachim Opahle, Rundfunkbeauftragter im Erzbistum Berlin